Valérie Wittwer, Studentin, Winterthur, Schweiz

„Das Thema geht unter die Haut.“

Valérie Wittwer hat sich im Rahmen ihrer Abschlussarbeit für die Maturaprüfung mit den gesundheitlichen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe am Beispiel von zwei Mädchen aus Weissrussland beschäftigt.


„Ich wusste nicht viel über Tschernobyl, als ich mich damit zu beschäftigen begann. Ich hatte einen Bericht gelesen, bei dem es um Gastkinder aus Weissrussland ging, die in der Schweiz Erholungsaufenthalte verbringen. Wir überlegten in der Familie, mitzumachen, doch das war aus geographischen Gründen nicht möglich. Ich blieb dran, begann, mich zu vertiefen, und rasch war mir klar: Das war ein Thema für meine Maturarbeit. Ich wollte die Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit der Kinder untersuchen und am Beispiel von weissrussischen Gastkinder mir nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ein Bild machen. So habe ich Julia und Anastassia kennengelernt, die einen Monat in der Schweiz verbracht haben. Sie waren ein Wochenende bei uns, wir haben verschiedene Sachen unternommen, auch viel Sport betrieben. Rasch fiel mir auf, dass vor allem Julia schnell müde war, während Anastassia sich etwas besser hielt. Wir hatten es gut zusammen und haben viel gelacht. Ich habe auch die anderen Kinder bei einem Ausflug beobachtet. Das Bild war ähnlich, schon das Aufsteigen zur Rutschbahn brachte einige ausser Atem. Doch es war auch zu spüren, dass vor allem die kleineren Kinder Heimweh hatten, eines klammerte sich richtig an seine Gastmama. Natürlich ist es vermessen, aus diesen Beobachtungen wissenschaftlich stichhaltige Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber das Bild, das ich mir aus dem Studium der wissenschaftlichen Literatur gemacht habe, wurde doch weitgehend bestätigt. Denn es sind nicht die ganz offensichtlichen Krankheitssymptome, es ist eher diese allgemeine körperliche Schwäche, die kennzeichnend ist für junge Menschen, die dauerhaft einer höheren Strahlung ausgesetzt sind: Tschernobyl-Aids, wie es heisst. Das hat mich schon sehr erschüttert, das Thema geht unter die Haut, auch, weil man sich ziemlich machtlos fühlt. Das andere, das war die Herzlichkeit dieser Kinder und Jugendlichen aus Weissrussland. Anastassia und Julia weinten, als wir uns verabschiedeten. Dabei hatten wir doch nur ein Wochenende zusammen verbracht.







Eine initiative des

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