Alexey Nesterenko, Ökologe, Institut für Strahlensicherheit (BELRAD), Minsk

„Unsere Enkel wird es am härtesten treffen.“

Alexey Nesterenko ist Ökologe und Direktor des 1990 gegründeten, unabhängigen Institutes für Strahlensicherheit „Belrad“ in Minsk.

„550 von uns selbst entwickelte Radiometer zur Bestimmung der Strahlenbelastung von Lebensmitteln hat unser Institut in den 1990er-Jahren in den verstrahlten Gebieten Weissrusslands aufgestellt. Die Bevölkerung konnte damit in einem einfachen Messverfahren ermitteln, ob etwa gesammelte Pilze konsumierbar waren. Dazu kommen 800 Dosimeter zur Bestimmung der Strahlendosen im menschlichen Körper. Von all diesen Geräten sind heute noch ein paar Dutzend in Betrieb. So will es die Regierung dieses Landes. Die Messungen seien nicht mehr nötig, heisst es, die staatlichen Einrichtungen genügten vollauf. Auch an vielen Schulen, wo wir Kinder im richtigen Verhalten im Umgang mit der Strahlung schulen, sind wir nicht mehr wohlgelitten. Alles hängt von den jeweiligen Vorsitzenden der Exekutivkomitees ab. Haben sie Rückgrat, lassen sie uns arbeiten, sind sie feige, verbieten sie es. Das ist für mich die schlimmste Folge einer Politik, die nur noch darauf abzielt, eine Normalität vorzugaukeln, die es nach Tschernobyl nicht mehr geben kann. Was nützt es, wenn eine Milliarde Dollar in die Gasversorgung in den verstrahlten Gebieten investiert wird, um die Nutzung verstrahlten Holzes zu unterbinden, wenn gleichzeitig die Leute nicht mehr wissen, wie sie sich im Wald verhalten sollen oder worauf es beim Gemüseanbau im Garten zu achten gilt? Wir haben die enorme Wirkung solcher Aufklärungsarbeit in verschiedenen Langzeitstudien längst nachgewiesen. Doch das geht nicht in Fleisch und Blut der Menschen über. Dieses Wissen muss laufend vermittelt werden, gerade im Schulunterricht. Auch die Abgabe der von uns entwickelten Pektinpräparate, die die Ausscheidung von Radionukliden aus dem Körper beschleunigen, hat sich sehr bewährt. Doch auch da werden uns nur Steine in den Weg gelegt. Das dauert nun schon seit Jahren so an. Als wir, nach einer eigenen Messkampagne, 2007 den Behörden die Evakuierung einiger Dörfer in der stark belasteten Region Narowlja oder zumindest einen Ausbau der Hilfsleistungen vorschlugen, bekamen wir keine Antwort. Stattdessen hatten wir plötzlich die Finanzpolizei im Haus. Es hiess, wir hätten Spendengelder missbraucht und keine Steuern bezahlt, unser Institut müsste seine Tore schliessen. Die Vorwürfe waren an den Haaren herbeigezogen, wir geniessen auch international einen sehr guten Ruf als unabhängige, seriöse Institution. Wir sollten offensichtlich eingeschüchtert werden. Die Regierung setzt ihren Kurs einer vorgegaukelten Normalisierung unbeirrt fort. Schliesslich baut man ja an einem neuen Atomkraftwerk. Derweil werden laufend verstrahlten Flächen als sauber erklärt und die Menschen aufgefordert, sie wieder zu bewirtschaften. Die Sperrzonen sind löchriger denn je. Die Leute sammeln die Früchte des Waldes. Ein Kübel Waldpilze bringt ihnen bis zu fünf Dollar, die Pilze gelangen auf verschlungenen Wegen nach Litauen, wo sie flugs zu litauischen Pilzen werden und, mit entsprechenden Zertifikaten ausgestattetet, in den Handel gelangen. Das ist auch ein Ergebnis dieser grobfahrlässigen, gefährlichen Politik auf Kosten der Gesundheit der Menschen. Ich erinnere mich gut. In meiner Kindheit gab es in der Nähe einen ehemaligen Panzerübungsplatz. Das Betreten war natürlich streng verboten. Was denken sie, haben wir Kinder gemacht? Nicht anders werden sie sich in den radioaktiv belasteten Wäldern verhalten, die nur noch auf dem Papier Sperrzonen sind. Dort ist die Belastung mit Cäsium137 noch für rund drei Jahrhunderte gefährlich hoch. Die Strahlung verursacht auch Erbschäden in unseren Körpern, die erst in den kommenden Generationen zu schweren Erkrankungen führen. Wir müssen heute davon ausgehen, dass es unsere Enkel sein werden, die es am härtesten trifft. Das ist die weissrussische Normalität, mit der wir leben müssen. Nur wenn wir uns schützen, schützen wir auch unsere Nachkommen.

zum Weiterlesen:

Leben auf verstrahltem Boden

Eine initiative des

Logo neu2