Alexander Tamkovitsch, Redakteur und Buchautor, Minsk, Weissrussland

„Wir sind das Feigenblatt Lukaschenkas“

Alexander Tamkovitsch ist Redakteur der unabhängigen weissrussischen Zeitung Svobodnye Novosti und Autor mehrerer Bücher zu politischen Themen seines Landes. Im April 2016 erscheint sein Buch „Die Philosophie des Guten. Im Garten der Hoffnung“ zur Geschichte der Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ (heute Verein Freude den Kindern), die seit ihrer Gründung 1988 mehr als 600‘000 Kindern und Jugendlichen aus Weissrussland mehrwöchige Kuraufenthalte in zahlreichen westlichen Staaten ermöglicht hat.

„Es gibt ein Thema, bei dem ich und die meisten Oppositionellen mit Präsident Aljaksandr Lukaschenka einig sind: Weissrussland muss unabhängig bleiben, und die weissrussische Kultur und Nation müssen gefördert werden. Das war es dann aber auch schon. Lukaschenka hat im übrigen seit 1994, als er an die Macht kam, Weissrussland immer noch enger an Russland gebunden, faktisch verkommt unsere Unabhängigkeit zum Papiertiger und Propagandainstrument, und die Russifizierung Weissrusslands ist in vollem Gang.
In Westeuropa pflegt man ja zu sagen, Weissrussland sei die letzte Diktatur Europas. Es ist die vorletzte. Die letzte ist Russland. Was Weissrussland betrifft, so trägt die Herrschaft unseres Präsidenten zunehmend totalitäre Züge. Das zeigt sich exemplarisch in der Medienlandschaft. Ich war zu Sowjetzeiten als Journalist für die Armee tätig und bin 1991, noch vor dem endgültigen Ende des Sowjetstaates, zusammen mit anderen ausgetreten. Wir gründeten eine unabhängige Zeitung, die Svobodnye Novosti, und verkauften rasch über 100‘000 Exemplare. Als Lukaschenka 1994 zum Präsidenten gewählt wurde, galt er noch als Hoffnungsträger, der auch eine freie, unabhängige Presse versprach. Doch das änderte sich sehr rasch. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen, ebenso willkürlichen Verurteilungen, Drohungen und wirtschaftlichem Druck. Ich sah mich mit einer Ehrverletzungsklage eines engen Mitarbeiters des Präsidenten konfrontiert, den ich in einem Kommentar als schlechten Schriftsteller bezeichnet hatte. Der Mann ist Präsident der staatsnahen Journalistenunion. 100 Millionen Rubel Schmerzensgeld, das sind mehr als 50‘000 Euro, verlangte er. Das sind etwa 100 Monatslöhne. Die Gerichtsverhandlung war eine Farce, alle lachten, auch der Richter. Doch es war offensichtlich: Es musste ein Urteil geben. So wurde mir schliesslich eine Million aufgebrummt. Ich habe das Geld mit Hilfe von Freunden zusammenkratzen können.
Die Auflage unserer Zeitung ist auf 30‘000 geschrumpft. Die Hauszustellung mit der Post ist verboten, die Vorzugspreise der staatlichen Druckerei gelten nur noch für die staatseigenen Zeitungen, wir müssen den vollen Preis bezahlen. So soll uns auch die wirtschaftliche Basis entzogen werden. Die oppositionellen Medien, die sich unter diesen Bedingungen noch über Wasser halten können, listet Lukaschenka dann gerne auf, um zu beweisen, dass es eine freie Presse gebe in Weissrussland. Wir sind sein Feigenblatt. Er hat inzwischen jede Bodenhaftung eingebüsst. Entweder man ist für ihn, oder man ist gegen ihn.
Vor diesem Hintergrund muss man auch die Atompolitik in unserem Land sehen. 30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, die Weissrussland wie kein anderes Land getroffen hat, wird nahe der litauischen Grenze an einem Atomkraftwerk gebaut, mit russischen Krediten und russischem Know-How. Auf der Baustelle mangelt es an einheimischem Personal, dem Vernehmen nach sind viele Ukrainer als Zeitarbeiter dort tätig. Die Hochspannungsleitungen bauen Chinesen. Und in Weissrussland wird auf allen staatlichen Kanälen suggeriert, es sei alles in Ordnung in den verstrahlten Gebieten, und man könne ausserhalb der Sperrzonen ein problemloses Leben führen. Lukaschenko zeigt sich gerne dort, und es ist wohl auch so: Die Menschen hören diese frohe Botschaft gern, wir alle wünschen uns ja ein Leben in Normalität. Doch das ist reines Wunschdenken. Die Realität sieht ganz anders aus. Ich war kürzlich für Recherchen in Mogilev, einer der am stärksten kontaminierten Regionen des Landes. Ohne es zu bemerken, war ich unvermittelt im Sperrgebiet. Die Kontrollstellen sind inzwischen so ausgedünnt, dass man kaum mehr unterscheiden kann zwischen erlaubtem und verbotenem Gebiet. Viele Menschen ist das egal, oder es bleibt ihnen, der puren Not folgend, nichts anderes übrig. Sie sammeln Pilze und Beere auf verstrahltem Boden, und es wird Holz geschlagen. Niemanden scheint das gross zu kümmern, den Staat schon schon gar nicht.

Eine initiative des

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