Katsutaka Idogawa, ehemaliger Bürgermeister Futaba, Japan

«Ich gebe nicht auf»

Katsutaka Idogawa war von 2004 bis zu seiner Abwahl 2013 Bürgermeister von Futaba, einer der am stärksten von der atomaren Katastrophe heimgesuchten Städte.


Betten am Eingang des Krankenhauses in Futaba, die nach der Evakuiergung zurückgelassen wurden. (Bild: www.cryptome.org)

«Die regierenden Liberaldemokraten intrigierten im Stadtparlament solange gegen mich, bis es 2013 zur Abwahl kam. Sie wollen mich mundtot machen. Doch ich lasse mir den Mund nicht verbieten. Ich war 2004 als Parteiloser ins Bürgermeisteramt in Futaba gewählt worden. Die Stadt liegt zehn Kilometer südlich der Atommeiler in Fukushima Daiichi, 1000 der 7000 Einwohner waren dort beschäftigt. Es gab die eine oder andere Notfallübung, doch es war offensichtlich: Für die grosse Katastrophe würden diese Sandkastenspiele nicht ausreichen. Auf meine Einwände wurde mir stets versichert, man habe alles im Griff. Doch es kam ganz anders. Das Erdbeben und der nachfolgende Tsunami am 11. März 2011 hatten 90 Prozent der Häuser zerstört. Es herrschte das totale Chaos, aber die Menschen blieben ruhig und gefasst. Mit solchen Naturkatastrophen haben wir zu leben gelernt. Doch auf das, was danach kam, war niemand vorbereitet. Noch nicht einmal ausreichend Jodtabletten waren verfügbar, als es zum Super-Gau gekommen war und auf Futaba eine radioaktive Wolke niederging. Es war schliesslich der japanische Premier, der die Evakuierung anordnete. Doch auch jetzt waren wir auf uns allein gestellt, und es grenzte an ein Wunder, dass eine der Alarmsirenen noch funktionierte, bei einem totalen Stromausfall hätten wir die Menschen kaum alarmieren können. 1300 von ihnen strandeten nach bangen Tagen schliesslich in einer ausgedienten Schulanlage in Saitama, einer Präfektur nördlich von Tokio. Man arrangierte sich in Schulzimmern und Turnhallen. Aus den prekären, von viel Solidarität der Bevölkerung geprägten ersten Wochen wurden Monate, schliesslich Jahre der Unsicherheit und Ungewissheit. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte, und seitens der Behörden kamen stets nur vage Versprechungen, man kümmere sich darum. Doch nichts geschah. Die Verzweiflung wuchs, manche nahmen sich das Leben, andere blieben schliesslich im Schulgebäude, aus Protest gegen die willkürlichen Zuweisungen von Wohnraum. Man hat den ehemaligen Einwohnern Futabas die Entscheidungsfreiheit genommen. Man will einige zur Rückkehr in angeblich dekontaminierte Gebiete der Gemeinde zwingen, während auf Gemeindegebiet Atommüll abgelagert wird; anderen verweigert man aus fadenscheinigen Gründen die finanzielle Unterstützung – und das Schlimmste: Für alle gibt es keine wirkliche Perspektive mehr in ihrem Leben. Einige von uns sind in die Hauptstadt der Präfektur Fukushima umgesiedelt worden. Dort gelten sie, weil sie im AKW gearbeitet hatten, nicht etwa als Opfer, sondern als Profiteure. Wir haben alles verloren, und jetzt gibt man uns auch noch die Schuld dafür, oder man lässt uns einfach im Stich. Aber ich gebe nicht auf. Ich erhebe meine Stimme, auch weltweit mit Appellen an internationale Institutionen und Regierungen. Es gibt einen Grund dafür: Ich fühle mich für meine Mitbürgerinnen und Mitbürger verantwortlich.»


Zerstörungen durch das Erdbeben in Futaba (Bild: www.cryptome.org)

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