Fukushima: Es fehlt am reinen Wein

8'790 Mikrosievert pro Stunde zeigt das Messgerät an einer gesperrten Strasse in Futaba. In Tokio werden 0,05 Mikrosievert gemessen. (Bild: cnic.jp) 8'790 Mikrosievert pro Stunde zeigt das Messgerät an einer gesperrten Strasse in Futaba. In Tokio werden 0,05 Mikrosievert gemessen. (Bild: cnic.jp)

Vor zehn Jahren hat ein durch ein Tsunami ausgelöster Super-Gau der Atomanlage Fukushima-Daiichi Japan und die Welt erschüttert. Die Aufräumarbeiten werden noch Jahrzehnte dauern, die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen sind noch nicht gezogen.

300 Liter Wasser pro Minute – das entspricht etwa einer Badewannenfüllung – hätten gereicht, um den Super-Gau von Fukushima zu verhindern. Doch wenn nichts mehr geht, wird auch das wenige unmöglich. Als am 11. März 2011 rund eine Dreiviertelstunde nach dem stärksten je in Japan gemessenen Erdbeben vor der Ostküste Japans ein 14 Meter hoher Tsunami die viel zu niedrigen Hochwasserdämme der am Meer gelegenen Atomanlage Fukushima – Daiichi überflutete, brachen nach und nach alle Sicherheitsdämme. Wasserpumpen versagten, überflutete Notstromaggregate fielen aus, so dass es nicht mehr gelang, die Restzerfallswärme aus drei nach dem Beben automatisch heruntergefahrenen Reaktorkernen abzuleiten. Eine Kernschmelze wurde unausweichlich, wegen einer geradezu lächerlich anmutenden Kühlwassermenge in einem AKW, das 40 Jahre gerade wegen des unendlich verfügbaren Kühlwassers am Meer gebaut worden war. Dazu mussten die Klippen an der Steilküste weggesprengt werden. Man war sehenden Auges in diese Katastrophe geschlittert. Die Probleme waren längst bekannt, die Nachrüstung angedacht, aber nicht ausgeführt. Menschliches Versagen. Doch es war mehr. Es war das Versagen des japanischen nuklearen Dorfes, dessen Bewohner – Ministerialbeamte, Wissenschaftler, Manager  – selbstgefällig geworden, immun gegen Kritik, ganz augenscheinlich schlicht darauf spekuliert hatten, dass die paar Jahre, die eines der ältesten AKW’s der Welt mit Baujahr 1971 noch laufen sollte, schon nichts mehr schiefgehen werde. Das war nach menschlichem Ermessen sogar eine durchaus realistische Annahme. Das Tōhoku – Erdbeben war nach drittstärkste, das je gemessen worden ist. Ein Tsunami von dieser Höhe war zwar rechnerisch möglich, in der historischen Erfahrung aber noch nie vorgekommen. So nahm ein grösster anzunehmender Unfall der Störfallstufe 7 – dessen Schwere wurde erst einen Monat nach der Katstrophe eingestanden - vor laufenden Kameras seinen Lauf, die ganze Welt war fassungs- und hilflos zugleich, während auf dem Reaktorgelände Heldengeschichten geschrieben wurden, der Wind wie durch ein Wunder die radioaktiven Wolken grossmehrheitlich aufs Meer trieb, die 40 Millionen – Metropole Tokio, 250 Kilometer entfernt, verschont blieb und nur ein vergleichsweise dünn besiedeltes Gebiet – 200'000 Einwohnerinnen und Einwohner mussten evakuiert werden -  in nordwestlicher Richtung verstrahlt wurde.

Das Unwahrscheinlichste war geschehen. Und während die anderen nuklearen Dörfer auf der Welt nicht müde wurden und werden, zu betonen, dass dies bei ihnen nicht hätte geschehen können, musste die japanische Gesellschaft damit zurechtkommen, nach den beiden Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki 1945 sich auch noch mit der schlimmsten aller denkbaren zivilen atomaren Katastrophen auseinandersetzen zu müssen. Die technische Aufarbeitung hat dabei erst begonnen. Die Betreiberfirma Tepco demonstriert in einem gut gemachten, interaktiven Video den Fortschritt der Aufräumarbeiten. Der Tonfall ist sachlich, die in Japan so beliebten, blühenden Kirschbäume auf der Einfahrt ins Werksgelände, die, so soll es aussehen, den Super-Gau unbeschadet überstanden haben, versinnbildlichen diesen Optimismus, auf der virtuellen Rundfahrt scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen, man macht Fortschritte und dokumentiert sie, man weiss inzwischen einigermassen, wie es in den geschmolzenen Reaktorkernen aussieht, die allermeisten Brennstäbe sind aus den Abklingbecken entfernt, das kontaminierte Kühlwasser wird chemisch gereinigt und dann in Zwischentanks gelagert, ein Verwaltungsgebäude ist erstellt, ein Dach geflickt, die Arbeiter haben nun Duschen und eine Kantine. Das ist alles korrekt und gut dokumentiert. Doch es nicht die Wahrheit, oder es ist nur ein Stück davon. Denn es fehlt der reine Wein. Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass alles Menschenmögliche getan wird, um den Schaden, der angerichtet wurde, wieder einigermassen herzurichten. Wiedergutmachen lässt er sich nicht. Für Generationen wird ein über 200 Quadratkilometer umfassende Gebiet von der Grösse der Drei-Millionen-Einwohner Stadt Osaka unbewohnbar bleiben, und Menschen, die in Städte wie das besonders hart getroffene Futaba, wo ein Grossteil der Angestellten des AKW Fukushima – Daiichi  wohnte, zurückkehren dürfen, müssen damit leben, dass grosse Teile des Stadtgebietes dauerhaft gesperrt bleiben. Nur eine Minderheit tut sich das an.

Der beste Gradmesser, wie genau es Behörden und Verantwortliche mit der Wahrheit nehmen, ist die Kostenwahrheit. Von wenigen Milliarden US-Dollar Kosten war man kurz nach der Katastrophe ausgegangen, fünf Jahre später waren es dann 35 Milliarden, heute sind es nach Angaben des zuständigen Ministeriums um die 200, wobei nach wie vor auf die Einberechnung der Kosten für die Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle aus den zerstörten Reaktorkernen verzichtet wird – was wiederum die Ratlosigkeit spiegelt, wie damit überhaupt umgegangen werden soll. Das japanische Zentrum für ökonomische Forschung, ein ThinkTank, hat dies getan und auch sonst genauer hingeschaut. Das Ergebnis: 300 bis 800 Milliarden. Es sind Kosten, die von keiner Versicherung gedeckt werden und die nur der Form nach vom Betreiber Tepco getragen werden. In Tat und Wahrheit ist es der japanische Staat, dem Tepco mehrheitlich gehört. Immerhin: Von den noch vor wenigen Jahren verbreiteten Annahmen, bis Ende der 2020er-Jahre seien die Aufräumarbeiten erledigt, ist keine Rede. Inzwischen findet sich in den Tepco-Graphiken zu den Zeitplänen kein Enddatum mehr.

Es sind im Wesentlichen drei Probleme, die einer Lösung harren.

Um die zerstörte Atomanlage und im ganzen Krisengebiet türmen sich riesige Halden mit in grosse Plastikhüllen verpackter, kontaminierter Erde, die in grossen Mengen abgetragen worden ist. Das sei nur vorübergehend, doch bis heute liegt kein Plan vor, was damit geschehen soll. Kritiker befürchten inzwischen, dass diese Halden zur Dauerlösung werden.

Die drei geschmolzenen Reaktorkerne müssen nach wie vor gekühlt werden. Das kontaminierte Kühlwasser wird chemisch aufbereitet und enthält danach noch radioaktives Thorium, das sich nicht herauslösen lässt. Es wird in Tanks gelagert, die sich auf dem ganzen Gelände türmen. Der Plan, dieses kontaminierte Abwasser kontrolliert ins Meer abzuleiten, was nach Expertenmeinung geringere radioaktive Dosen zur Folge hätte als beim Normalbetrieb eines AKW, ist bislang am heftigen Widerstand von Fischern, Umweltschützern und aus der Bevölkerung gescheitert. Bis Mitte 2022 soll noch Platz vorhanden sein für neue Wassertanks.

In den Reaktorkernen ist die Strahlung mit Werten bis zu zehntausend mal höher als normal. Und kein Mensch weiss bis heute, wie es gelingen könnte, unter solchen Bedingungen einen Rückbau unter vertretbaren Risiken zu realisieren – von der Endlagerung ganz zu schweigen. In Tschernobyl wurden Soldaten damals aufs zerstörte Dach geschickt, um die Reste des Reaktorkerns mit der Schaufel einzusammeln und zurück ins Reaktorgebäude zu werfen. Monatelang wurde an einer Hülle gebaut, eine für rei Jahre konzipierte Zwischenlösung, die vor drei Jahren, mit der Fertigstellung einer neuen, gigantischen Hülle, für ein weiteres Jahrhundert so etwas wie Sicherheit verspricht. Was die kommenden Generationen damit anfangen werden, steht in den Sternen. In Japan mehren sich die Stimmen, die einer ähnlichen Lösung den Vorrang geben.

Fukushima hat die japanische Bevölkerung zutiefst erschüttert, auch in ihrem Selbstverständnis, das geprägt war von einem schier untrüglichen Glauben an die Technik. Die Atomkraft findet seit Fukushima keine Zustimmung mehr. Es ist eine neue Konstante in der Gesellschaft. Die Ablehnungsrate liegt bei über 60 Prozent. Der Widerstand zeigt sich weniger an den Wahlurnen, wo die atomfreundlich gesinnte Liberale Partei nach einem kurzen Intermezzo seit 2012 die politschen Zügel wieder fest in der Hand hält und einem Comeback der Atomkraft das Wort redet, als auf der lokalen und regionalen Bühne, wo vor allem vor den Schranken der Gerichte erbittert und erfolgreich gegen die Wiederinbetriebnahme von AKW’s gekämpft wird. Von den einst 55 Atomreaktoren in Japan sind heute deren sieben wieder am Netz, der Anteil der Atomkraft an der Stromversorgung ist von 25 auf sieben Prozent gefallen. Dennoch wird, zur Erreichung der jüngst verkündeten Klimaziele, die bis 2050 die Klimaneutralität versprechen, hartnäckig daran festgehalten, binnen kurzer Frist wieder bis zu 25 AKW’s in Betrieb zu nehmen. Das ist mehr als unrealistisch. Anderseits steckt Japans Stromversorgung seit dem 11. März 2011 im grossen Dilemma. Denn auch wenn der Ausbau erneuerbarer Energien mit der Einführung einer Einspeisevergütung deutlich an Fahrt aufgenommen und der Anteil an der Stromproduktion sich seit 2011 auf knapp 20 Prozent verdoppelt hat, feiern Kohle und Gas ein Comeback, das niemand ernsthaft begrüssen kann.

Noch viel zu wenig in Fahrt gekommen ist aber insbesondere ein politischer Konsens, der jenseits der bekannten ideologischen Gräben rund um Atomkraft und Energieversorgung zu einer realistischen Betrachtung findet. Das atomare Dorf bleibt geschlossen und scheint in einer  Vergangenheit zu leben, die nicht wiederkehren wird, während die Gesellschaft so widersprüchlich bleibt wie in weiten Teilen der Welt. Man will kein AKW mehr vor der Haustür und glaubt dann doch den Versprechungen jener politischen Kraft, die das Prinzip «Teile und Herrsche» seit Jahrzehnten meisterlich beherrscht: Die meisten Atomkraftwerke wurden in wirtschaftlich schwachen Randregionen gebaut, vordergründig als Standortförderung, hintergründig zur Schaffung politischer Abhängigkeit. Die Liberale Partei regiert seit 2017 mit einer noch komfortableren Mehrheit, und nichts deutet derzeit darauf hin, dass sich bei den nächsten Wahlen 2021 daran etwas ändern.

Quellen:

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aus aller Welt

Katanga Business

  • Mit seinem Film „Katanga Business“ von 2009 vermittelt der belgische Regisseur Thierry Michel nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Rohstoffförderung in Katanga, sondern verdeutlicht auch die eigentlichen Aufgaben eines Dokumentarfilmers – Dokumentieren statt Kommentieren.

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