Indiens Gratwanderung zum Klimaziel

Das Kriegsdenkmal Indiagate am 17. Oktober 2019 und während des Lockdowns am 8. April 2020 (Bild:amitabasu.com) Das Kriegsdenkmal Indiagate am 17. Oktober 2019 und während des Lockdowns am 8. April 2020 (Bild:amitabasu.com)

 

Die Covid 19 – Pandemie hat den smogverseuchten indischen Grossstädten während des Lockdowns ungewohnte Fernsicht beschert und den Energieverbrauch rapide einbrechen lassen. Zu einem hohen Preis: Über 50 Millionen Menschen fielen in die extreme Armut. Die ambitionierte Energiewende – Agenda soll trotzdem noch ausgebaut werden. Es ist höchste Zeit, vor allem von der extrem umwelt- und klimaschädlichen Kohle wegzukommen. Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht. Indien könnte, wenn es sich zusätzlich anstrengt, zum Klima-Vorreiter werden. Doch es wird eine Gratwanderung sein.

Sie sind sehr dünn gesät, die Städte mit guter Luftqualität in Indien: Die Echtzeitkarte zeigt am 24. November 2020 in den ersten Abendstunden gerade mal die Stadt Haldia am Golf von Bengalen Bengalen im grünen Bereich. Am anderen Ende findet sich eine Messstation in Delhi am PPDAV College, wo die Luft die Gesundheit akut gefährdet. Nicht besser sieht es in Mumbai aus, mit 25,6 Millionen Einwohner eine der grössten Städte der Welt. Der Stadtbezirk Kurla weist extrem hohe Feinstaubwerte aus: 880 für PM10 und 824 für PM2,5. Letzterer gilt als «lungengängig». Als zulässig erachtet wird in Indien für PM 2.5 während 24 Stunden ein Wert von 60, im Jahresdurchschnitt sind es 40. Doch das ist reines Wunschdenken. Im Durchschnitt liegt die PM 2,5 - Belastung um das Achtfache über den von der Weltgesundheitsorganisation als noch vertretbar erachteten Werten. Sie gefährden im ganzen Land  vor allem in den Städten die Gesundheit von Hunderten Millionen Menschen. 21 der 30 Städte mit der grössten Luftverschmutzung weltweit liegen in Indien mit Delhi an der Spitze.

Der «State of Global Air» zählt Indien neben Pakistan und Bangladesh zu den am meisten mit Feinstaub belasteten Staaten der Welt. In der letzten Dekade ist es, obwohl die Grenzwerte 2010 verschärft wurden, nicht besser geworden. Im Gegenteil: Die Feinstaubbelastung mit PM 2.5 ist in Indien um 17 Prozent gestiegen, während sie in China um 25 Prozent abgenommen hat. Selbst die Covid 19 – Krise hat daran nicht viel geändert. Die gesundheitlichen Konsequenzen sind katastrophal. In Indien haben die durch Feinstaubelastung bedingten Todesfälle in den letzten zehn Jahren um zwei Drittel auf 980’000 zugenommen – pro Jahr. Insgesamt verursacht die Luftverschmutzung jährlich 1,7 Millionen Todesfälle. Die bislang 134'218 Covid 19 – Todesfälle (Stand: 24. November) in Indien haben viele Menschen betroffen, deren Lungen schon schwer feinstaubgeschädigt waren. Ein zusätzliches Mikrogramm PM 2,5 Feinstaub pro Kubikmeter Luft bewirkt acht Prozent mehr Covid 19 – Tote, hat die Universität Harvard berechnet. In Delhi sind diese Emissionen in den vergangenen Wochen von 120 auf 180 Mikrogramm gestiegen. Die Luftqualität ist im Winter traditionell besonders schlecht. Ein Fünftel der 116'000 Todesfälle im Säuglingsalter wurden 2019 in Indien auf die Luftverschmutzung zurückgeführt. Daran hat auch ein breit angelegtes, recht erfolgreiches Programm zur Vermeidung von festen Brennstoffen wie Holz oder Kohle zum Kochen nicht viel ändern können.

Das ist eine Umweltkatastrophe biblischen Ausmasses. Sie hat einen Namen: Kohle. Indien hängt am Tropf des umwelt- und klimaschädlichsten Energieträgers, der einen Anteil von 55 Prozent am gesamten Energieverbrauch hält. Das ist Weltrekord. Weltweit liegt das Land an zweiter Stelle hinter China, das die Hälfte der weltweit geförderten Kohle verbraucht. Vor fünf Jahren wurden die USA verdrängt. Alleine in den letzten zehn Jahren ist der Kohleverbrauch in Indien um fast die Hälfte angestiegen, und während China, wo vor sieben Jahren der Peak erreicht wurde, den Ausstieg an die Hand genommen hat, zeichnet sich in Indien erst eine Verlangsamung des Wachstums ab. Da bleiben neue Emissionsgrenzwerte weitgehend Wunschdenken. Nicht ausser Acht gelassen werden darf, dass es in Indien in den vergangenen 20 Jahren gelang, das Bruttoinlandprodukt pro Kopf fast zu vervierfachen (Stand 2019: 1981 Dollar). In den Jahren 2005 bis 2016 sind rund 275 Millionen Menschen aus der Armut befreit worden. Der World Poverty Index weist für das Jahr 2016 139 Millionen Menschen aus, die in extremer Armut mit weniger als 1,9 Dollar pro Tag leben, rund elf Prozent der Bevölkerung. Bis 2019 sank diese Zahl auf 86 Millionen. Dann kam die Covid 19 – Pandemie. Die wirtschaftlichen Folgen, ein Einbruch von rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung, haben weitere 54 Millionen Menschen in die extreme Armut gestürzt. Das in der nachhaltigen Agenda der Vereinten Nationen erklärte Ziel, die extreme Armut bis 2030 zu beseitigen, ist damit in die Ferne gerückt. Und auch die alleine im April während des Covid 19 – Lockdowns um 30 Prozent gesunkenen CO2-Emissionen, der erste Rückgang seit 40 Jahren, als ein Teil der Kohlekraftwerke stillgelegt worden waren, was in manchen Städten für ungewohnt gute Sicht gesorgt hatte, werden mit dem Hochfahren der Industrie und einer Normalisierung der Wirtschaft rasch wieder Geschichte sein, wenn nichts geschieht.

Doch ganz so hoffnungslos ist die Lage, was Armut, Luftverschmutzung und die Klimagas-Emissionen betrifft, dennoch nicht. Laut «Climate Action Tracker» dürfte die Klimaerwärmung in Indien bis ins Jahr 2050 mit der aktuellen Klimapolitik unter zwei Grad liegen. Damit wäre man zumindest mit dem an der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 beschlossenen Ziel von maximal zwei Grad auf Kurs. Das Klimaziel von Paris 2015, eine Erwärmung von maximal 1,5 Grad, zu dem sich Indien verpflichtet hat, ist hingegen nicht zu schaffen. Damit liegt Indien aber weit vor China oder Deutschland, die aktuell nur drei Grad schaffen würden, oder den USA, die weit über vier Grad liegen. Das spiegelt den nach wie vor grossen Entwicklungsrückstand Indiens. Die gesamten CO2-Emissionen des 1,4 Milliarden – Volkes bringen das Land zwar auf Platz drei der Weltrangliste, nach China und den USA, bei den Pro Kopf – Emissionen liegt Indien mit 1,94 Tonnen meilenweit hinter den USA (16,5 Tonnen) und auch China (7,5 Tonnen). Indien rangiert damit weltweit auf Platz 140. Und auch die Zeit der starken Steigerungsraten scheint vorüber zu sein. Die Intensität der CO2-Emissionen (Tonnen CO2 pro 1000 Dollar Bruttoinlandprodukt) hat sich im vergangenen Jahrzehnt leicht reduziert. Aktuell verbraucht Indien, das 18 Prozent der Weltbevölkerung stellt, sechs Prozent der Weltenergie. Dazu gibt Indien, das sich bis zur Klimakonferenz in Paris – nicht ganz zu Unrecht – auf den Standpunkt gestellt hatte, zuerst sollten gefälligst die Industriestaaten ihre Klima-Hausaufgaben erledigen, bevor es in Indien an der Zeit sei, seinen rigoros auf Kohle setzenden Expansionskurs zu revidieren, inzwischen Gegensteuer und verfolgt recht ambitionierte Pläne zum Ausbau von erneuerbaren Energien, namentlich Sonne und Wind. So sollen bis 2022 175 Gigawatt an erneuerbaren Energien (Solar 100 GW, Wind 60 GW, Biomasse 10 GW, Kleinwasserkraftwerke 5 GW) zugebaut werden. 134 Gigawatt davon sind realisiert. Das entspricht etwa einem Drittel der Kapazität Indiens. Dazu kommen für die Verbraucher in Industrie und Haushalten klar gesetzte Ziele zur Verbesserung der Energieeffizienz um durchschnittlich 4,5 Prozent pro Jahr, unter anderem durch die Umstellung auf LED-Leuchten. Der indische Premierminister Narendra Modi geht davon aus, dass bis 2022 sogar 220 Gigawatt zur Verfügung stehen werden. Bis 2030 rechnet er mit einer weiteren Verdoppelung, wie er am virtuellen Treffen der G20 – Staaten in Saudi-Arabien erklärte. Indien werde die Verpflichtungen des Pariser Abkommens mehr als erfüllen. Die CO2-Emissionen sollen in den kommenden Jahren um rund ein Drittel gesenkt werden, unter anderem mit einer Vervierfachung des Gasanteils am indischen Energiemix. Damit würden auch die Feinstaub-Emissionen wohl deutlich sinken. Erheblich ausgebaut werden soll auch die Atomkraft. Die Kapazität soll bis 2025 verdoppelt werden, auf 13,48 Gigawatt. Insgesamt bleiben die AKW aber vergleichsweise unbedeutend für den indischen Strommarkt. Aktuell tragen sie 1,9 Prozent zur Stromproduktion bei. Kohle befeuert 54,3 Prozent der Generatoren, die Wasserkraft kommt auf 12,6 Prozent.

Indien geniesst einen nicht unerheblichen Standortvorteil: das in weiten Teilen des Landes subtropische, teils tropische Klima, das Heizungen überflüssig macht – auch wenn stromfressende Klimaanlagen inzwischen zur Standardausstattung vieler Haushalte gehören. Auch die Emissionen des Verkehrs sind im internationalen Vergleich mit einem Anteil von einem Zehntel tief. Den Hauptanteil tragen die Stromkraftwerke mit 51,7 Prozent und die Abgase der Industriemotoren mit 22 Prozent. Das macht eine Klimapolitik mit gezielten Eingriffen, der forcierten Umstellung auf erneuerbare Energien in der Stromproduktion und die Förderung von Elektromotoren, relativ erfolgsversprechend. So rollen auf den Strassen der indischen Grossstädte schon 1,75 Millionen Rikschas mit Elektroantrieb – ohne staatliche Subventionen. Und Indiens Bevölkerung wächst wesentlich moderater. Die Geburtenrate pro Frau liegt bei 2,24 und ist damit etwa von Frankreich (2,07) nicht mehr weit entfernt.

Der Weg aus der Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas, die drei Viertel des Energieverbrauchs ausmachen, während Erneuerbare bei rund einem Achtel liegen und 14 Prozent mit Biomasse beigesteuert werden (die oft ganz erhebliche Feinstaub-Emissionen verursachen), ist noch weit. Insbesondere die extreme Kohlelast müsste deutlich rascher gestoppt werden, will man das Klimaziel von 1,5 Grad bis 2050 erreichen. Bis in 20 Jahren müsste Indien sich ganz von der Kohle verabschieden. Das Covid 19 – Krisenjahr, das einen scharfen Rückgang des Kohleverbrauchs gebracht hat, könnte so etwas wie der Startschuss für eine grüne Revolution sein. Noch sieht es nicht danach aus. So sollen die Kohlekraftwerkskapazitäten um 100 Gigawatt auf 300 ausgebaut werden. Damit ist das 1,5 Grad – Ziel nicht zu schaffen. Doch das Dilemma bleibt, wie die coronabedingte, schwere Wirtschaftskrise des Jahres 2020 zeigt, die Dutzende Millionen Menschen in die Armut getrieben hat. Um dieses Problem zu lösen, muss der Bogen weiter gespannt werden. Der Reichtum ist in der indischen Gesellschaft ungleicher verteilt denn je, das superreiche eine Prozent der Bevölkerung kontrolliert fast 60 Prozent der Vermögen. Es gälte, viele Millionen prekärer Jobs im informellen Sektor in die «reale» Wirtschaft zu überführen, mit sozialer Sicherung, fairen Löhnen und Bildungsmöglichkeiten. Davon ist in einer Regierung, die dem hinduistischen Nationalismus zugetan ist, nicht viel in Sicht. Immerhin wird den ärmsten Haushalten mit direkten Finanzspritzen, Lebensmitteln und Kochgas unter die Arme gegriffen.

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  • Mit seinem Film „Katanga Business“ von 2009 vermittelt der belgische Regisseur Thierry Michel nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Rohstoffförderung in Katanga, sondern verdeutlicht auch die eigentlichen Aufgaben eines Dokumentarfilmers – Dokumentieren statt Kommentieren.

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