Die deutsche Energiewende ist vor allem eine Stromwende

Die deutsche Energiewende: Windpark in Mecklenburg-Vorpommern (Bild: Philipp Hertzog) Die deutsche Energiewende: Windpark in Mecklenburg-Vorpommern (Bild: Philipp Hertzog)

Ende 2022 wird das letzte deutsche AKW abgeschaltet, 2038 das letzte Kohlekraftwerk. Die deutsche Energiewende mit einem in nur einem Jahrzehnt durchgezogenen Atomausstieg und einem aus wirtschaftlichen Gründen verzögerten Kohleausstieg ist in vielerlei Hinsicht beispielhaft. Doch ist sie auch zu schaffen? Die deutsche Energiewende steht noch ganz am Anfang. Und die Zeit wird knapp.


Knapp ein Viertel des deutschen Stromes wird aktuell aus der Kraft des Windes gewonnen, weitere 8,2 Prozent kommen aus der Energie der Sonne. Rechnet man noch den aus Biomasse und Wasserkraft erzeugten Strom dazu, liegt der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion bei knapp über 50 Prozent. Vor 20 Jahren waren es noch gerade sieben Prozent gewesen. Damals war ein Drittel der deutschen Elektrizität noch aus Atomenergie gewonnen worden, fast die Hälfte des Stromes wurde in Kohlekraftwerken produziert. Heute ist der Anteil des Atomstroms auf einen Achtel geschrumpft, jener der Kohle auf 28,2 Prozent. Ende 2020 wird das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet, Ende 2038, allenfalls auch früher, das letzte Kohlekraftwerk.

Pioniertat Energiewende
Die «Energiewende», zu der auch der in der Bevölkerung populäre Atomausstieg gehört, war damals von einer rot-grünen Regierung beschlossen worden. Der Schlüssel zum Erfolg waren garantierte Abnahmepreise, die dem Land einen Photovoltaik-Boom bescherten: 48,1 Euro-Cents wurden vom Staat über 20 Jahre garantiert. Das war mehr als da Sechsfache der vorherigen Regelung von 1991.
Das Gesetz ist seither mehrfach revidiert worden, aber es wurde nie grundsätzlich in Frage gestellt. Der Atomausstieg wurde von der konservativ-liberalen Nachfolgeregierung unter der Physikerin Angela Merkel zuerst zurückgenommen, nach dem Super-GAU von Fukushima 2011 aber in verschärfter Form wieder eingeführt. Tatsächlich war in allen Umfagen seit dem Super-Gau von Tschernobyl eine Mehrheit der Bevölkerung für einen Ausstieg aus der Atomenergie gewesen.
In der aktuellen Fassung des Erneuerbaren Energien – Gesetzes von 2017 wurde das bisherige Fördersystem der Energiewende unter der grossen Koalition zwischen Sozial- und Christdemokraten umgekrempelt. Projekte werden nun von der Regierung ausgeschrieben, die Leistung wird vorgegeben. Die günstigsten Gebote erhalten den Zuschlag. Das hat vor allem bei Windenergieanlagen zu einem drastischen Rückgang der Projekte geführt, aus verschiedenen Gründen: eine ausufernde Bürokratie mit jahrelangen Genehmigungsverfahren oder die misslungene Bevorzugung von Projekten aus der Bürgerschaft, die mit Dumpingpreisen operierten und in vielen Fällen an der Finanzierung scheiterten. Inzwischen will die Regierung Gegensteuer geben, mehr Projekte ausschreiben und die Genehmigungsverfahren vereinfachen. Zudem hat sie die Ausbauziele erweitert. So sollen auf dem Meer nochmals wesentlich mehr Kraftwerke installiert werden. Bis 2040 ist ein Kapazitätsausbau auf 40 Gigawatt geplant. Das entspräche einer Verfünffachung der Kapazität von Mitte 2020.
Nach wie vor garantiert sind in einem komplizierten Verfahren kostendeckende Vergütungen. Die so genannte «EEG – Umlage» basiert auf den tatsächlich erzielten Verkaufspreisen und der Differenz zum Gestehungspreis, der über die Stromrechnung der Verbraucher gedeckt wird. Für 2020 beträgt diese EEG-Umlage knapp 7 Euro-Cents pro Kilowattstunde. Das hat den Deutschen die höchsten Strompreise Europas beschert und viel innenpolitische Kritik, weil manche Industrien von der Umlage ausgenommen sind.

Beeindruckende Resultate...
Und doch ist es, angesichts der Vorgaben beim Start der Energiewende, als erneuerbare Energien kaum eine Rolle gespielt hatten, überaus beeindruckend, was in Deutschland in nur 20 Jahren erreicht wurde, um die Stromversorgung langfristig auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Fast ist man geneigt zu sagen, wenn Deutschland die Energiewende ohne Atom- und Kohle strom schafft, wird dies jedem Land der Welt gelingen.

Doch das ist erst der Anfang
So beeindruckend  sich die Leistung der letzten zwei Jahrzehnte ausnimmt, so sehr steht damit erst am Anfang. Denn es gibt noch weit mehr zu tun. Bis 2050 soll die gesamte Stromversorgung in Deutschland zu mindestens 80 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen, und die gesamte Energieversorgung darf bis dann nur noch zu maximal 35 Prozent nicht erneuerbar sein, um die unabsehbaren Folgen des Klimawandels auf ein erträgliches Mass zu beschränken. Damit geht es nicht nur um den Strom aus der Steckdose, sondern auch die nicht erneuerbaren Treibstoffe, die ersetzt werden müssen – durch Strom. Denn faktisch ist die deutsche Energiewende bislang primär eine Stromwende geblieben. Im «Effective Energy Transition» - Index des Weltwirtschaftsforums, der die Länderleistung in der Energiewende bewertet, ist Deutschland denn auch nur auf dem 20. Platz gelistet, weit hinter Staaten wie Schweden, der Schweiz, Grossbritannien oder Frankreich. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die klimapolitischen Ziele für das Jahr 2020 – eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 – zwar erreicht werden dürften, dies aber nur wegen der Corona-Krise. Noch Anfang 2020 hatte die deutsche Regierung einräumen müssen, dass diese verpasst werden. 30 Jahre sind es bis 2050, wenn gegenüber 1990 mindestens 80 Prozent der Treibhausgasemissionen reduziert sein wollen. Diese Ziele gelten im Licht der Klimakonferenz von Paris, bei der sich die Teilnehmerstaaten daraufhin verständigt hatten, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Die Energiewende ist bislang eine Stromwende
Und diese Energiewende ist die ganz grosse Herausforderung für Deutschland. Das illustriert ein weiterer Blick in die Statistik. Der Anteil erneuerbarer Energien liegt bei der Wärme- und Kältegewinnung aktuell bei 14,5, im Verkehr gar bei nur 5,6 Prozent, und die Steigerungsraten der vergangenen 20 Jahre nehmen sich mehr als nur bescheiden aus. Insgesamt lag der Anteil Erneuerbarer am Bruttoendenergieverbrauch im Jahr 2019 bei 17.1 Prozent, 2004 waren es noch 6,2 Prozent gewesen. Das macht einen durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von nicht einmal einem Prozent, liegt aber dennoch im von der Europäischen Union vorgegebenen Zielbereich von 18 Prozent für das Jahr 2020.
Und damit ist auch klar: Es ist erst ein Anfang gemacht. Zum Beispiel bei der Photovoltaik. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung von 2018 soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2030 auf 65 Prozent gesteigert werden. Dazu wären in zehn Jahren knapp 100 GW an Photovoltaik nötig. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten jährlich 4,5 GW zugebaut werden. In den Jahren 2013 bis 2018 lag der Schnitt bei gerade 1,8 GW, im Jahr 2019 wurden 3,9 GW erreicht. Denkt man noch 20 Jahre weiter ins Jahr 2050, so wird in verschiedenen Szenarien mit bis zu 650 GW Nennleistung gerechnet, die notwendig sein wird, um die Klimaziele zu erreichen. Das Fraunhofer – Institut rechnet vor, dass bei einer angenommenen Kapazität von 400 GW im Jahr 2050 jährlich 12 GW zugebaut werden müssten. Das ist aus technischer Sicht durchaus zu schaffen. Und angesichts des anhaltenden Preiszerfalls vor allem bei der Sonnenenergie wird sich auch die ökonomische Bilanz zunehmend verbessern. Ob indes auch die Politik bei dieser Vervielfachung des Ausbaus der neuen erneuerbaren Energien mitzieht, steht in den Sternen. Spätestens im Jahr 2030, wenn denn das 65 Prozent – Ziel geschafft werden soll, wird sich auch die Speicherfrage stellen. Ab dann müssen sowohl kurz- als auch langfristige Stromspeicher gebaut werden, um 2038, wenn auch der Kohleausstieg vollzogen ist, bereit zu sein, die dannzumal viel höheren Anteile an «Flatterstrom», wie er von den Gegnern der neuen erneuerbaren Energien genannt wird, auch speichern zu können, wenn dieser nicht benötigt wird.

Doch davon sei noch nicht viel zu sehen, schreiben Rainer Moormann, ein Atomkritiker, und Anna Veronika Wendland, eine Atombefürworterin, in einem im Juli veröffentlichten Manifest. Tatsächlich wird es zu «Dunkelflauten» kommen, vor allem im Winter, wenn die Sonnenstromproduktion einbricht und es bei windschwachen Phasen zu einem Nachfrageüberhang kommt, der bislang primär mit sogenannter Bandenergie, Atomkraft und nicht erneuerbare Energiequellen, überbrückt werden konnte. Fallen diese Energieträger weg, so Moormann und Wendland, wird es zu Energieversorgungslücken kommen, deren Deckung aus heutiger Sicht nicht sicher gegeben sei. Denn das von der Bundesregierung als Brückentechnologie vorgeschlagene Gas sei tatsächlich weit weniger «sauber» als die geschmähte Kohle. Der Teufel würde also mit dem Belzebub ausgetrieben. Dazu kommt die Dekarbonisierung von Grossindustrien wie Chemie oder Stahl. Alleine der Strombedarf für eine Umstellung der Chemieindustrie übersteige den heutigen Stromverbrauch in Deutschland bei weitem.
Vor diesem Hintergrund schlagen Moormann und Wendland ein umgekehrtes Atom-Moratorium vor: Die verbliebenen sechs Meiler sollen für zehn weitere Jahre betrieben werden, mit der Option, sollte sich das Stromspeicherproblem nicht lösen lassen, für den weiteren Betrieb oder den Neubau weiterer Atomkraftwerke. Die sechs noch bestehenden AKW’s hätten um 2030 Laufzeiten von maximal 45 Jahren und lägen damit noch immer weit unter jenen, wie sie in den USA oder Westeuropa, wo 80 beziehungsweise 60 Jahre im Gespräch seien, diskutiert würden oder schon umgesetzt seien. Damit liessen sich 60 Prozent der deutschen Braunkohlestromproduktion ersetzen, die gesamten CO2-Emissionen Deutschland sänken um 10 Prozent, was wiederum einen Zeitgewinn für die Entwicklung von Grossspeicheranlagen für Strom brächte. Insgesamt sei eine «begrenzte» weitere Nutzung von Atomkraftwerken bei den gegebenen Sicherheitsstandards «akzeptabel».
Die «grösste Gefahr» für die Energiewende sei, mit Bezug auf den Technikhistoriker Joachim Radau, «das Diskursdefizit». Dieses hätte letztlich das Atomzeitalter in Deutschland beendet. Dazu gehöre auch das «ehrliche Bekenntnis» zu Unsicherheiten und offenen Fragen. Damit treffen die beiden Autoren einen wunden Punkt der aktuellen Energiewendedebatte. Tatsächlich sind die kurz- und mittelfristigen Herausforderungen geradezu gigantisch. Und es bleibt der Eindruck, dass von den heutigen Protagonisten der Energiewende gerne Sand in die Augen gestreut wird, die – grundsätzlich gegebene - Machbarkeit allzu optimistisch in das Reich der Tatsachen gedreht, die Hindernisse auf dem Weg zu einer auf erneuerbaren Energien basierenden Energieversorgung allzu nonchalant gedanklich aus dem Weg geräumt werden.

 

 

 

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  • Mit seinem Film „Katanga Business“ von 2009 vermittelt der belgische Regisseur Thierry Michel nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Rohstoffförderung in Katanga, sondern verdeutlicht auch die eigentlichen Aufgaben eines Dokumentarfilmers – Dokumentieren statt Kommentieren.

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