China ist auf dem Weg zum grössten Atomstromproduzenten der Welt

Am 8. August 2020 ist nach knapp fünf Jahren Bauzeit der 48. Atomreaktor Chinas ans Netz gegangen: Tianwan 5 in der Provinz Jiangsu im Nordosten des Landes an der Küste des Gelben Meeres. Damit sind die vor einem Jahrzehnt formulierten, sehr ehrgeizigen Ziele zum Ausbau der Atomkraft nicht erreicht worden. Die neuen erneuerbaren Energien haben die Atomkraft überflügelt. Die weiteren Ausbaupläne bleiben dennoch ambitioniert. China wird in gut zehn Jahren der grösste Atomstromproduzent der Welt sein.



70,05 Gigawattstunden (GW/h) Atomstrom hat China 2009 produziert. Zehn Jahre später waren es fast fünfmal so viel: 348'700 GW/h. Mit dem Anfang August ans Netz gegangenen fünften Reaktor im AKW Tianwan wird die Produktion weiter zunehmen. Und doch wird das 2009 formulierte Ziel, bis zum Jahr 2020 den Anteil des Atomstroms an der Elektrizitätsproduktion auf sechs Prozent zu steigern, verfehlt werden. Erwartet wird ein Anteil von unter fünf Prozent. Weltweit sind es deren zehn, in vielen Industriestaaten nochmals deutlich mehr.

Dennoch ist China der drittgrösste Atomstromproduzent der Welt, nach den USA und Frankreich. Das veranschaulicht den gigantischen Energiebedarf eines Landes mit 1,4 Milliarden Einwohnern, das binnen von nur zwei Generation zur zweitgrössten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen ist. Dieser Aufschwung ist auf Kohle gebaut. Kohle ist mit einem Anteil von 70 Prozent nach wie vor der mit grossem Abstand bedeutendste Brennstoff sowohl zur Stromproduktion als auch zur Wärmegewinnung. Kohle hat Chinas Grossstädten einen Smog beschwert, wie er zuletzt in Grossbritannien in den 1950er-Jahren Tausende Tote gefordert hatte. Deshalb wird seit zehn Jahren Gegensteuer gegeben, namentlich mit dem Ausbau von Atom-, Wind- und Sonnenergie sowie Wasserkraft. Atomkraft gilt in China ohne jede Diskussion als erneuerbar. Die Abhängigkeit von der Kohle für die Stromproduktion ist enorm. Im Jahr 2009 waren 3,01 der knapp 3,7 Millionen Gigawattstunden aus thermalen Quellen, davon über 90 Prozent Kohle, gespiesen worden. 2019 waren es über 5 Millionen GW/h bei einem gleich gebliebenen Kohleanteil, bei einer Gesamtproduktion von 7,325 Millionen GW/h. Damit hat der Kohlestrom binnen eines Jahrzehnts um zwei Drittel zugenommen. Doch die Gesamtproduktion ist auf beinahe das Doppelte gestiegen. Und das ist die gute Nachricht: Erstmals lag 2019 der Zuwachs bei erneuerbaren Energien (ohne Atomstrom) auch in absoluten Zahlen über jenem der Kohle. Die Erneuerbaren erreichten mit 1,93 Millionen GW/h fast 40 Prozent der Kohlestromproduktion. 2009 war es noch ein knappes Viertel gewesen. Die Windkraft hat die Atomkraft schon vor einigen Jahren überflügelt, die Solarkraft liegt aktuell bei etwa zwei Drittel des Atomstroms, die Zuwachsraten sind zwar abenehmend, aber deutlich höher als bei der Atomkraft. Insgesamt wurden, anders als bei der Atomenergie, die Ziele des 13. Fünfjahresplanes für 2020 schon im Vorjahr übertroffen. China ist auch, was den Ausbau an neuen erneuerbaren Energien betrifft, zum weltweiten Spitzenreiter aufgestiegen. 1,2 Millionen Elektroautos wurden 2019 in China verkauft. Das ist mehr als die Hälfte des weltweiten Absatzes.


Doch die chinesische Energiewende ist noch weit davon entfernt, nur schon den nach wie vor anhaltenden Ausbau der Kohlestromerzeugung zu stoppen. Schon dafür braucht es weiter gewaltige Anstrengungen. Einen wesentlichen Teil soll nach wie vor die Atomkraft bilden. Nicht weniger als 44 Atomreaktoren sind aktuell in Planung. Das ist fast die Hälfte des geplanten Ausbaus weltweit. Doch während in Ländern wie den USA und selbst Frankreich mehr zurück- als ausgebaut wird, wächst der chinesische Atomkraftwerkspark weitgehend ungebremst weiter. Und die chinesischen Atomkraftwerke sind jung. Währen das weltweite Durchschnittsalter bei über 30 Jahren liegt, sind es in China gerade deren acht. Schon in gut zehn Jahren dürfte China der weltweit grösste Produzent von Atomstrom sein und damit die derzeit noch mit grossem Abstand führenden USA abgelöst haben.

china, atoNoch unklar ist die weitere Entwicklung der neuen erneuerbaren Energien. Die bisherigen staatlichen Förderprogramme laufen 2020 aus, und noch ist nicht klar, in welchem Umfang sie weitergeführt werden.

 

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