Atomkraftwerke in Gefahr

Zum 75-mal jährt sich der Atombombenabwurf von Hiroshima und Nagasaki. Auch Terroristen würden gerne die Atombombe besitzen. Deshalb müssen wir uns Gedanken zur Sicherheit der Atomkrafwerde machen. „Atomkraftwerke im Visier“ heisst eine Dokumentation die der TV-Kanal ARTE ausstrahlte. Mensch und Atom fasst in zwei Teilen zusammen. Hier der zweite Teil.

Hier in La Hague lagert extrem viel radioaktives Material. Darunter auch Plutonium. Die Wiederaufbereitungsanlage ist möglicherweise ein attraktives Ziel für Terroristen. Bild: Seegrund.

 

 

Begehrt ist besonders hochangereichertes Uran. Es ist leicht zu handhaben, wenn es von einer Bleihülle umgeben ist. Dann ist der Bau einer Atombombe einfach wie Luis Alvarez behauptet. Er war am Manhattan Projekt beteiligt, bei dem die Atombombe entwickelt wurde. Seither gab es drei ernsthafte Versuche krimineller Organisationen, sich eine Atombombe zu beschaffen. Da war die Aum-Sekte, die 1995 auch einen Giftgas-Anschlag auf die Metro in Tokyo ausübte. Ausserdem war es das erklärte Ziel des Al Kaida Terroristen Osama bin Laden, sich eine Atombombe zu schaffen. Er betrachtete es als seine Pflicht, sie dann auch einzusetzen. Al Kaida besass sogar einen Nuklearbeauftragten. Niemand weiss, was er macht. Vom IS ist der Fall in Brüssel bekannt. Die Terrororganisation hatte nach der Übernahme der irakischen Stadt Mosul von der dortigen Universität 40 Kilogramm Uran verschwinden lassen. Das Material ist nicht angereichert, aber es zeigt, dass Regierungen in Situationen geraten, wo sie nukleares Material nicht mehr kontrollieren können. Präsident Obama beschäftigte sich erstmals 2010 mit diesem Problem an einem nuklearen Sicherungsgipfel in Washington. Dort verpflichteten sich die teilnehmenden Länder, ihr Material zu schützen und dies überprüfen zu lassen. Ziel war es, kriminellen Gruppen das Leben schwer zu machen. Sein Nachfolger Donald Trump hat diese Sicherungspolitik aufgegeben. Russland hat seinerseits die Teilnahme am 4. Sicherungsgipfel abgesagt. Russland besitzt die Hälfte des Nuklearmaterials weltweit und die mangelnde Transparenz ist beunruhigend. Die aktuelle Situation: Es gibt keine Verpflichtungen. Die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien hat nur Zugang zu zivilen Anlagen. Zwischen 1993 und 2015 sind 762 Fälle von Diebstahl von radioaktivem Material dokumentiert. Nur ein geringer Teil wurde wieder gefunden. Die IAEA kann nicht ausschliessen, dass ein Teil in den Händen von Kriminellen ist. Sie vermutet einen Schwarzmarkt für radioaktives Material. Geheimdienste versuchen die Routen herauszufinden, die Banden beim Nutzen von radioaktivem Material wählen. Für die Arte-Dokumentation wurde ein fiktiver Schmuggel nach Paris simuliert. 300 Gramm Cäsium sollten in einem Spital in Niger gestohlen werden. Mit einem Flugzeug wurde das Material nach Algerien geflogen. Dort wurde es umgeladen und mit einem Flug mit Ziel Flughafen Charles de Gaulle verfrachtet. Kurz vor Paris wurden technische Probleme vorgegaukelt sodass das Flugzeug auf einem kleinen Flughafen in einem Vorort von Paris landen musste. Dort waren die Sicherheitskontrollen kaum vorhanden und das radioaktive Material hätte leicht weiter in Zentrum von Paris gebracht werden können. Der fiktive Anschlag wäre weniger kompliziert gewesen, wie jener auf den Konzertsaal Bataclan in Paris.


Gefährliche Transporte


Die Atomindustrie lässt weltweit täglich viel radioaktives Material transportieren. Der gefährlichste Stoff ist Plutonium. Es fällt an der Wiederaufbereitungsanlage La Hague in der Normandie an. Wöchentlich wird dort ein Teil weggebracht und über 800 Kilometer quer durch Frankreich nach Marcoule im Südosten transportiert. Die Behörden wollen diese Transporte geheim halten, doch Greenpeace fiel es nicht schwer, sie aufzudecken. Die Transporteure wählen aus vier Routen aus, die sie dann benützen. Auch diese Routen konnte die Umweltorganisation schnell eruieren. Sie beinhalten schmale Unterführungen unter Eisenbahnbrücken, enge Wohngebiete und Brücken. Weil Greenpeace die genauen Durchfahrtzeiten eruieren konnte, wären Anschläge mehr als leicht möglich. Sogar die ARTE-Crew konnte den Konvoi mehrmals passieren ohne kontrolliert zu werden.


Wie ein AKW unsichtbar machen?


Mit der wachsenden Erkenntnis der Verletzlichkeit von Kernkraftwerken bei Angriffen aus der Luft wurde der Luftüberwachung mehr Bedeutung beigemessen. Doch Schutzmassnahmen sind teuer. Heute rüsten sich viele Kernkraftwerke mit einer Vernebelung aus. Wenn sich ein Flugzeug nähert, verschwindet es hinter Wolken. Die Wirkung ist aber wegen GPS wenig wirksam. Auch wenn man zusätzlich GPS-Störsysteme eingeführt. Zudem verfügt jedes europäisches Land über Abfangjäger, die eindringendes Flugzeug schnell stellen und notfalls abschiessen können. Doch wie schnell? Die am weitesten entfernten Anlagen in Frankreich werden in 15 Minuten erreicht. Ausgerechnet La Hague, wo die weltweit grösste Menge an radioaktivem Material lagert, darunter 60 Tonnen Plutonium, liegt besonders weit vom nächsten Stützpunkt weg. Die Frage, ob ein Flugzeug die Betonhülle durchschlagen könnte ist dann müssig, wenn es – wie in La Hague tatsächlich der Fall - ein Abklingbecken für hochradioaktive Brennstäbe gibt, das mit einem einfachen Blechdacht geschützt ist. Ohne Kühlwasser würden sich die Brennstäbe selber entzünden und den Rest von La Hague zur Explosion bringen. Der ehemalige Strahlenschutzbeauftragte Ghislain Quétel nennt dies den grössten Skandal in der Atomindustrie. Um zu beweisen, wie leicht man auch an Abklingbecken herankommt, drang Greenpeace in das Atomkraftwerk Catenon vor und zündet vor dem Abklingbecken ein Feuerwerk. Denn so könnte auch eine kleine Bombe platziert werden, die die Kühlflüssigkeit zum Auslaufen bringt und eine verheerende Reaktion in Gang bringen könnte. Es ist Greenpeace problemlos gelungen. Die Schutzpolizisten konnten nur noch hilflos das Feuerwerk bestaunen. Die Nuklearindustrie möchte an den Sicherheitsketten sparen. Am 11 September 2001 waren gleichzeitig 20 Terroristen aktiv. Doch die Industrie in den USA bezahlt nur für Massnahmen, die von fünf Angreiffern ausgehen und behauptet, alles andere sei unwahrscheinlich. Trotzdem musste der Französische Staatskonzern EDF bereits über eine Milliarde Euro in Sicherheitsverstärkungen investieren. Der Staat seinerseits stellt eine Spezialschutztruppe mit 1000 ausgebildeten Polizisten zur Verfügung, die aber von der Industrie mitbezahlt wird. Die Vertreter der Nuklearsicherheit würden gerne weitergehende Massnahmen verwirklichen, doch die marode Atomindustrie ist finanziell in so grosser Bedrängnis, dass nicht alles umgesetzt wird. Was bedeutet das? Fehlt es vielleicht an Verteidigungsstrategien gegen potentielle Cyber-Attacken, die immer raffinierter, komplexer und aufwändiger werden. Sie sind längst eine Realität geworden. Auch Atomlagen sind bedroht auch wenn nur wenige Hacker das Know How hätten, dort Schaden anzurichten. Deshalb denken Betreiber auch zunehmend darüber nach, Kernkraftwerke komplett vom weltweiten Informationsnetz zu entkoppeln und das Computernetzwerk zu isolieren. Kritiker sagen aber, dass dies in der Praxis nicht funktioniert, es sei eine Illusion. Jede CD oder jeder USB Stick sei eine Gefahr, die Arbeitskultur entscheidend und zwar für immer. Denn der Risikofaktor sei der Mensch. Ein gefährlicher Sabotageakt von Mitarbeitern 2014 in einem belgischen Atomkraftwerk in Doel hat gezeigt, dass auch von Innen Gefahr gedroht. Nach mehreren Monaten Reparatur wurde das Kernkraftwerk wieder hochgefahren – mit dem Risiko, dass die Täter noch immer dort arbeiten. Denn sie wurden nicht gefunden.

 

 

 

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