Anschlagsziel Kernkraftwerke

Der August 2020 ist ein trauriger Gedenkmonat. Zum 75. Mal jährt sich der Atombombenabwurf von Hiroshima und Nagasaki. Es ist ein Grund mehr, sich Gedanken zur Sicherheit von Atomkraftwerken und Wiederaufbereitungsanlagen zu machen. Dass Terroristen sich längst damit beschäftigen, zeigte die Dokumentation „Atomkraftwerke im Visier“ auf ARTE. Mensch und Atom fasst in zwei Teilen zusammen. Hier der erste Teil.

Terroristen setzen viel daran, eine Atombombe zünden zu können. Doch es drohen noch andere Gefahren. Das Bild zeigt den Atombombenabwurf von Hiroshima. Bild: Archiv Seegrund. 

 

Es war eine erhellende Investigationsdokumentation in den vier großen, Kernenergie nutzenden Ländern Belgien, Deutschland, Frankreich und USA. Vieles, was die nukleare Sicherheit berührt, ist geheim. Denn wer darüber informiere, könne gar Terroristen auf "böse Gedanken" bringen, so der Tenor einiger Sicherheitsverantwortlicher. Doch Intransparenz schafft Unsicherheit.
Sich für die Sicherheit der Kernkraftwerke interessieren: unerwünscht. Danach fragen: unerwünscht. Alles liegt unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Nur keine schlafenden Hunde wecken. Man dürfe dem Gegner nicht in Hände spielen – so der Tenor von Aufsichtsbehörden und zuständigen Ministerien gegenüber dem ARTE-Team. Doch die Intransparenz wirkt auf zwei Seiten. Potentielle Terroristen erfahren nicht viel, die Bevölkerung wird gleichzeitig verunsichert. Denn bei den Anschlägen am 22. März 2016 mit 32 Toten in Brüssel entdeckten Ermittler bei Hausdurchsuchungen Hinweise, dass sich die Terroristen intensiv mit Kernenergie beschäftigten. Es war die gleiche Zelle, der auch die Attentäter von Paris angehörten. Die IS-Terroristen überwachten sogar wochenlang den Leiter des belgischen Nuklearforschungszentrums. Damit ist bewiesen, dass sich radikale Islamisten für die Atomtechnologie interessieren. Eine These behauptet sogar, dass das wahre Anschlagsziel ein Atomkraftwerk war. Weil aber die Ermittler nahe an der Terrorzelle waren, hätten sich die Terroristen zu schnellen, leichter durchführbaren Attentaten entschlossen.
Wer denkt, ein Attentat sei unwahrscheinlich, muss nur einige Jahrzehnte zurückblicken. In den letzten 60 Jahren sind 83 Angriffe auf Kernanlagen dokumentiert. Dabei kamen gefährliche Verbrecher in sehr sensible Bereiche hinein. 1979 zündeten ETA-Terroristen eine Bombe im AKW Lemóniz und aus einer russischen Anlage wurde 300 Kilogramm spaltbares Material gestohlen um nur zwei Beispiele zu nennen. Angriffe gab es daneben in den USA, Frankreich, Argentinien, Kongo oder Frankreich. Beunruhigend in Frankreich waren auch die rätselhaften Drohnenflüge über sämtlichen Kernkraftwerken im Jahre 2014. Wer dahinter steckte, ist bis heute nicht erwiesen. Der IS hat aber bewiesen, dass er die Grenzen von konventionellen zu unkonventionellen Waffen längst überschritten hat. Neben Angriffen vom Wasser, zu Land und aus der Luft ist der Cyber-Terrorismus als neue Angriffsmethode hinzugekommen.


Die meisten AKW bergen Restrisiko


Begehrt ist hoch angereichertes Uran. Wer ist in Besitz bekommt, kann damit relativ einfach den Weg zu einer Atombombe gehen. Für Terroristen sind aber auch schmutzige Bomben aus hochradioaktivem Abfall aus Kernkraftwerken attraktiv. Das ist keine Atombombe mit hochradioaktivem Abfall, dafür findet man radioaktives Material überall: In der Industrie, der Landwirtschaft, in Spitälern und natürlich bei Kernkraftwerken. Man kann damit durchaus grosse Gebiete versuchen und enormen wirtschaftlichen Schaden verursachen. Weltweit sind rund 400 Kernkraftwerke in Betrieb. Die meisten wurden zu einer Zeit gebaut, als ein Terroranschlag auf ein Kernkraftwerk jenseits des Vorstellbaren lag. Sie sollten einzig sicher sein gegen Flugzeugabstürze. Nur waren damals die Flugzeuge kleiner. Die Geheimdienste bewerten unablässig den Bedrohungsgrad und die Anschlagsformen, denen nukleare Anlagen potenziell ausgesetzt. Den Betreibern werden laufend schärfere Sicherheitsvorkehrungen auferlegt. Dabei ist die Atomindustrie längst nicht mehr so solvent wie früher. Die Westinghouse Electric Corporation, der US-amerikanische Weltmarktführer für Atomkraftwerke, meldete Anfang 2017 Insolvenz an. In den Vereinigten Staaten, wo die Kernkraft in privaten Händen liegt, schreiben die meisten Kernkraftwerke rote Zahlen, in Frankreich wächst der Schuldenberg bei Areva und EDF. Hat die Atomindustrie unter diesen Bedingungen überhaupt noch die Mittel, um die Sicherheit bei einem Terroranschlag zu garantieren? Reaktoren sind potenzielle Ziele von Anschlägen durch Kamikazepiloten, Drohnen oder bewaffnete Truppen geworden. Mit der Entwicklung neuer Technologien kommt das Risiko von Cyberangriffen hinzu. Terroristen ändern ihre Vorgehensweisen und machen sich die Fortschritte der Technologie zunutze. Seit dem 11. September 2001 weiss man, dass ein gezielter Absturz nicht unmöglich ist. Nach den sichergestellten Angriffsplänen von Al Kaida sollten 10 Flugzeuge entführt und auf 10 Ziele abgestützt werden. Eines davon wäre ein Atomkraftwerk gewesen. Seither stellen sich die Sicherheitsbehörden in allen Ländern die Frage, ob ihre Kernkraftwerke nicht gegen einen zufälligen, sondern absichtlichen Absturz sicher sind. Die Untersuchungsergebnisse wurden in den meisten Fällen geheim gehalten. Natürlich, um potentiellen Angreifern keine Informationen zu geben. Frankreichs Atomindustrie behauptet, es gebe kein Risiko. Untersuchungen in den USA haben zwar dasselbe Resultat gezeigt, doch was sollte die Nuklearindustrie auch sagen? Es ist tatsächlich unklar ob ältere Kernkraftwerke einem gezielten Absturz standhalten würden. Unter diesem Aspekt gibt es problematische AKW-Standorte wie jener von Tihange in Belgien. Es liegt praktisch in der Verlängerung der Start-und Landebahn des Flughafens Lüttich. Dazu lagern vor dem AKW in Behältern auch noch abgebrannte Brennstäbe. Eine Untersuchung in Belgien kommt zum Schluss, dass nur die neusten Nuklearanlagen Grossraumflugzeugen widerstehen. Bei älteren Kraftwerken könnten schwerwiegende Beschädigung eintreten. Sichere Anlagen stünden demnach nur in Flamanville (Fr) und in Olkiluoto (Fi). Sie sind noch nicht einmal in Betrieb. Das Risiko eines Flugzeugabsturzes war in Deutschland einer der Gründe, aus der Kernenergie auszusteigen. Es wurden konsequenterweise zuerst auch jene Anlagen vom Netz genommen, die nach Meinung von Experten Flugzeugabstürzen am wenigsten Widerstand geleistet hätten.

aus aller Welt

Katanga Business

  • Mit seinem Film „Katanga Business“ von 2009 vermittelt der belgische Regisseur Thierry Michel nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Rohstoffförderung in Katanga, sondern verdeutlicht auch die eigentlichen Aufgaben eines Dokumentarfilmers – Dokumentieren statt Kommentieren.

Eine initiative des

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