Das Leiden der Natur

geschrieben von  Urs Fitze (Text und Bild)

Die Natur in der Sperrzone von Tschernobyl leidet. Der dänische Evolutionsbiologe Anders Pape Møller erforscht dieses Drama seit 1993 am Beispiel der Rauchschwalben.

Der Evolutionsbiologe Anders Pape Møller vom Centre National du Recherche Scientifique in Paris sitzt im Schatten eines Apfelbaumes unweit des Checkpointes zur Sperrzone. Dort kann schon ein Tippfehler in den einzureichenden Dokumenten ausreichen, um den Zutritt zu verweigern. Dann helfen nur noch Kaffee oder Zigaretten als Schmiermittel. Es ist nur ein Steinwurf bis zum Waldrand, wo die Sperrzone beginnt. Eine alte Frau radelt in Zeitlupe vorbei, ein junger Mann stellt sein plärrendes Radio auf maximale Lautstärke, um sich dann an einem verrosteten Handwagen zu schaffen zu machen. Eine stattliche Schar Enten sucht auf einem weiten, ummauerten Hof nach Futter. Es sind die letzten Nutztiere in dieser Kolchose. Ställe, Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser, ein Verladekran, ein paar rostige Traktoren: Alles ist dem Zerfall preisgegeben.


Jede 20. Rauchschwalbe mit Tumor
Møller reist seit 1993 jeden Sommer für ein paar Wochen nach Tschernobyl. Für den Dänen ist es ein einzigartiges Freiluftlabor. Er gilt als einer der weltweit führenden Experten für Rauchschwalben. Zehntausende hat er in seinem Forscherleben eingefangen, untersucht, beringt und wieder freigelassen, in der Hoffnung, sie eines Tages wiederzusehen, um Rückschlüsse auf ihre Entwicklung zu ziehen. Rauchschwalben legen zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren Zehntausende von Kilometern zurück. Sie sind typische Kulturfolger. In Viehställen nisten sie besonders gerne, denn dort findet sich ihre Leibspeise, kleine Fluginsekten, zuhauf. Die Landwirte wissen diese Ernährungsform zu schätzen und öffnen ihnen im Frühjahr bereitwillig die Stalltore. Die Vögel mit den an einen Frack erinnernden, langen Schwanzfedern sind mit rund 20 Gramm wahre Fliegengewichte, pfeilschnell und wendig. Der Evolutionsbiologe fängt sie mit einem Fischernetz, das er vor den offenen Eingang eines verlassenen Stalles spannt. In dem gut und gern 100 Meter langen Gebäude, in dem einst Hunderte Kühe gehalten wurden, nisten sie. Mit ruhiger Hand befreit Møller die zierlichen, im Netz hängen gebliebenen Vögel aus ihrer ungemütlichen Lage und steckt sie in Stoffsäckchen. Unter dem Apfelbaum werden Møller und sein Mitarbeiter zu Erbsenzählern. Es gilt, eine ganze Reihe von Parametern, vom Geschlecht über das Gewicht bis zur Schwanzlänge, zu erfassen und auf ein Formular zu übertragen. Møller entnimmt etwas Blut und den Männchen Sperma, er zeichnet das Gefieder auf einem Blatt Papier nach. Schließlich beringt er sie. Das Prozedere dauert einige Minuten. Die Vögel lassen es stoisch über sich ergehen. Dann öffnet Møller seine Hand. Die Freiheit ruft. Doch einige der Rauchschwalben verharren eine Weile unbeweglich, um plötzlich mit kaum sichtbarem Flügelschlag in rasendem Tempo davonzufliegen. Es ist ein letzter Test über deren Befindlichkeit. Fliegen sie nicht aus freien Stücken weg, interpretiert Møller dies als Hinweis für eine generelle Schwäche.

Die aufwändige Datenerhebung verfolgt ein Ziel: Herauszufinden, wie es um die Gesundheit der Rauchschwalben in der Nähe der Sperrzone bestellt ist. Denn nicht immer ist diese so offensichtlich wie beim Vogel, an dessen Bauch sich eine feste, stecknadelgroße Kugel ertasten lässt: ein Tumor. »Ich habe in Dänemark Zehntausende Rauchschwalben untersucht und dabei keinen einzigen Tumor gefunden. Hier leidet einer von 20 Vögeln an solchen Geschwülsten.« Diese extrem hohe Tumorrate ist eines einer ganzen Anzahl von Indizien, die nur einen Schluss zulassen: Die radioaktive Strahlung setzt den Rauchschwalben in einem erschreckenden Ausmaß zu. Etwa bezüglich der Fruchtbarkeit der Männchen. »Wir fangen Vögel in Zonen unterschiedlicher Strahlungsintensität ein«, erklärt Møller, »angefangen von Gebieten wie hier, außerhalb der Sperrzone, die nur eine geringfügig über dem natürlichen Niveau liegende Strahlung zeigen, bis zu den Hot Spots mit extrem hoher Strahlung wie dem ›roten Wald‹ in unmittelbarer Nähe des zerstörten Reaktors. Dort starben nach dem GAU die Bäume binnen weniger Tage ab. Die Resultate sind eindeutig: Je höher die Strahlung, desto geringer die Zeugungsfähigkeit der Männchen. Schon bei mittleren Strahlendosen sind viele unfruchtbar. Und das, obwohl sie ja nur vier bis fünf Monate im Jahr hier verbringen.« Sichtbare Zeichen der Strahlenschäden sind Verfärbungen des Federkleides und deformierte Schwanzfedern. «Unsere Resultate sind eindeutig. Die Folgen der Verstrahlung werden ganz erheblich unterschätzt. Bei Pflanzen, Tieren und wohl auch beim Menschen.« Doch eigentlich könne das niemanden überraschen, sagt Anders Møller. »Seit Madame Curie wissen wir ja, dass radioaktive Strahlung gefährlich ist. Doch niemand will davon hören. Ich hätte gescheiter meinen Vorsatz, die Krim zu besuchen, umgesetzt. Dafür ist es jetzt zu spät.«

Viele Bäume in der Sperrzone sind deformiert - wie diese Waldkiefer. Die Ursachen sind nicht erforscht. Es liegt aber nahe, dass diese Bäume genetisch geschädigt sind.

 

Die Studien von Anders Møller und weitere Forschungsarbeiten sind auf der Webseite der "Chernobyl Research Initiative" abrufbar.

 

Zum Weiterlesen:

Timothy Mousseau, der Biologe forscht seit Jahren in der Sperrzone und sagt: Die Tiere in der Sperrzone trinken nicht. Sie nehmen keine Drogen. Sie werden auch nicht arbeitslos. Krank sind sie trotzdem.

Cornelia Hesse-Honegger, die Wissenskünstlerin hat in verstrahlten Gebieten rund um den Globus und in der Umgebung von Atomkraftwerken gehäuft verkrüppelte Insekten dokumentiert.

 

Fakten Tschernobyl

  • Am 25. April 1986 soll im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl im Norden der Ukraine ein Spannungsregler getestet werden, der bei einer Schnellabschaltung bei gleichzeitigem Stromausfall die knappe Minute bis zum vollen Anlaufen der Notstromaggregate überbrückt. Dazu muss der Reaktor mit einer thermischen Leistung von 3200 Megawatt auf 1000 Megawatt heruntergefahren werden. Der Versuch wird während des Herunterfahrens wegen zusätzlicher Stromnachfrage unterbrochen und erst in der Nacht fortgesetzt. Die Sicherheitssysteme werden während des Probelaufs abgeschaltet. Dabei sinkt die Leistung unerwartet nicht auf 25, sondern auf 1 Prozent. Der Reaktor muss wieder hochgefahren werden. Dabei gerät er außer Kontrolle. Die Leistung steigt binnen Sekundenbruchteilen; es kommt zu einer gewaltigen Knallgas-Explosion, die das Dach wegsprengt. Die Brennelemente schmelzen, der als Moderator verwendete Graphit gerät bei Temperaturen von über 2000 Grad in Brand. Erst nach Wochen gelingt es, das Feuer zu löschen. Es kommt zur Freisetzung gewaltiger Mengen an Radionukliden. Als eigentliche Ursache gelten technische Mängel bei der Handhabung der Steuerstäbe, die unter bestimmten Voraussetzungen zu einem unkontrollierbaren Leistungsanstieg führen. Diese Mängel waren bekannt, war es doch schon 1983 in Litauen zu einem ähnlichen Fehler gekommen. Wären daraus die richtigen Lehren gezogen worden – Tschernobyl wäre nicht passiert.

Leben in der Sperrzone

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Kernschmelze

  • Kernschmelze

    Nach dem Abschalten eines atomaren Reaktors wird zwar die Kernspaltung unterbunden, aber der radioaktive Zerfall der bei der Kernspaltung entstandenen Spaltprodukte dauert an. Nach einer Stunde macht dies noch etwa ein Prozent der thermischen Leistung des Reaktors aus. Im Falle des Schweizer Atomkraftwerks Mühleberg sind das 36 Megawatt, und auch nach zehn Tagen hat die sogenannte Nachzerfallswärme noch eine Leistung von über 7 Megawatt. Das entspricht 3600 Heizlüftern mit einer Leistung von 2 Kilowatt – die in einem Raum von der Größe eines Schlafzimmers aufgestellt sind. Knapp zehn Tonnen Wasser verdampfen bei dieser Leistung – pro Stunde. Dieses Kühlmittel muss deshalb auch nach dem Abschalten noch für längere Zeit kontinuierlich dem Reaktorkern zugeführt werden. Wird diese Kühlung unterbrochen, droht die Kernschmelze. Ist sämtliches Kühlwasser verdampft, beginnen sich die Brennelemente sehr schnell aufzuheizen. Nach einigen Stunden schmilzt der Brennstoff, der Reaktorkern ist zerstört. Dabei kann hochradioaktives Material entweichen und Mensch und Umwelt gefährden. Ein solcher Unfall wird als Super-GAU bezeichnet.

Eine initiative des

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