Fukushima: Die ökologischen und ökonomischen Folgen wiegen schwer

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Als vor acht Jahren das zweitstärkste je gemessene Erdbeben Japan erschüttert und eine gewaltige Tsunami Teile der Ostküste verheerte, geschah das Unfassbare: In Fukushima-Daiichi kam es zu drei Kernschmelzen, als die 15 Meter hohe Flutwelle die Notstromversorgung lahmlegte. Es wird weit länger als die prognostizierten 40 Jahre dauern, bis die drei havarierten Atomkraftwerke entsorgt sind.

Die Betreiberfirma Tepco dokumentiert in einem Video, was in den vergangenen acht Jahren getan wurde:

- Es wurde viel aufgeräumt; die vier schwer beschädigten Reaktorgebäude haben wieder Hüllen erhalten; ein unterirdischer Panzer aus Eis umgibt das Reaktorgelände, um das Grundwasser auf etwa einen Zehntel zu minimieren, das in das Innere der Reaktoren dringt und radioaktiv verseucht wieder austritt; zugleich müssen die drei geschmolzenen Reaktorkerne laufend gekühlt werden, das kontaminierte Wasser wird wie das Grundwasser aufgefangen und in Tanks zwischengelagert, deren Kapazität an Grenzen stösst; neue Betriebsgebäude sind entstanden, Kantinen, ein medizinisches Notfallzentrum, dazu wurde das gesamte Gelände mit Beton zugedeckt.

Wohin mit dem dekontaminierten Wasser?
Das ist alles recht eindrücklich, doch es ist, wie auch die Internationale Atomenergieorganisation in einem jüngst veröffentlichen Report zum Fortschritt der Entsorgungsarbeiten in Fukushima dokumentiert, noch nicht einmal der Anfang. „Wir stellen signifikante Fortschritte auf dem Weg von einem Schauplatz einer Katastrophe zu einem Schauplatz mit einer stabilisierten Lage fest. Das sollte es ermöglichen, den Fokus nun auf die Detailplanung und Umsetzung eines Entsorgungs-Projektes für die gesamte Anlage zu richten.“ Die IAEA spricht von „mehreren Jahrzehnten“, die dieser Prozess beanspruchen werde, bei Tepco ist von „30 bis 40 Jahren“ die Rede, wobei unklar ist, ob die Prognose ab dem Tag der Katastrophe gemeint ist oder ab heute. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass diese Vorgabe kaum zu halten sein wird. So ist noch nicht einmal in Ansätzen klar, was etwa mit dem dekontaminierten Wasser geschehen soll. Schon in knapp zwei Jahren wird es keine Platz mehr haben. Und noch gibt es keine hinreichende Klarheit, wie es um die geschmolzenen Reaktorkerne wirklich bestellt und wie diese sicher entsorgt werden soll. Bislang ist es nur gelungen, eigens zu diesem Zwecke gebaute Mini-Roboter ins Innere zu bringen, um sich ein optisches Bild zu machen und die Strahlung zu messen. Sie erreicht an einigen Stellen über 300 Sievert oder das 300‘000fache der natürlichen Hintergrundstrahlung.

Regierung unter Druck
Derweil hält die japanische Regierung, die unter starkem Druck der Industrie steht, hartnäckig daran fest, bis 2030 den Anteil der Atomkraft an der gesamten Stromversorgung auf 20 bis 22 Prozent zu steigern. Aktuell sind es gerade noch deren zwei. Vor der Katastrophe waren es 30 Prozent gewesen, und bis 2030 hätte der Anteil auf 50 Prozent hochgeschraubt werden sollen. Doch nun erscheint auch das 20 Prozent – Ziel als utopisch. Denn dazu müssten 30 der ehemals 54 Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden. Bei 39 ist eine Wiederinbetriebnahme zumindest vorgesehen. Doch wirtschaftlich interessant könnte diese nur bei einer Laufzeitverlängerung von 40 auf 60 Jahre sein. Das hat die Regierung in Aussicht gestellt, zugleich gilt es aber, wesentlich strengere Anforderungen zu erfüllen, was wiederum die Wirtschaftlichkeit in Frage stellt. Dazu kommt ein wachsender Widerstand aus der Bevölkerung. Die Betriebsgenehmigung muss vom lokalen Präfekten erteilt werden, der auch an seine Wiederwahl denken muss.

Die Wirtschaft beklagt die um rund 20 Prozent gestiegenen Stromkosten. Das Land kompensiert die Ausfälle des Atomstroms mit Kohle- und Flüssiggaskraftwerken, was auch seine Klimabilanz ruiniert. Erneuerbare Energien, die 2030 einen ähnlichen hohen Anteil an der Stromversorgung sichern sollen wie die Atomenergie, wurden derweil viel zu lange vernachlässigt, um die Ausfälle bis dahin zu kompensieren. Langfristig sind die Aussichten hingegen gut, vor allem bei Wind und Geothermie. Die Tages des „Nuclear Village“, das sowohl die Energiepolitik im Inland als auch die Exporte atomarer Technologie beherrschte, könnten hingegen in absehbarer Zeit gezählt sein.

Fakten Fukushima

  • Nach einem der stärksten Seebeben der jüngeren Geschichte trifft am 11. März 2011 eine 15 Meter hohe Flutwelle das am östlichen Meeresufer Japans gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit sechs Reaktorblöcken. Die Blöcke 4 bis 6 sind wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb, die Blöcke 1 bis 3 waren sofort nach dem Beben ordnungsgemäß abgeschaltet worden; die Anlage läuft wegen Totalausfalls der Stromversorgung mit Notstrombetrieb zur Kühlung der Nachzerfallswärme. Die Flutwelle zerstört 12 der 13 Generatoren und die Wärmetauscher, die Notbatterien liefern nur noch für wenige Stunden Strom. In der Folge kommt es trotz verzweifelter Bemühungen des Bedienungspersonals in allen drei Reaktoren zu Kernschmelzen und teilweiser Zerstörung der Betriebsgebäude durch Wasserstoffexplosionen. Auch das Gebäude im Block 4 wird durch eine Explosion schwer beschädigt, nachdem es nicht mehr gelingt, das Abklingbecken zu kühlen. Noch Schlimmeres verhindert der entgegen den Anweisungen der Zentrale gefällte Entscheid des leitenden Ingenieurs, mit Meerwasser zu kühlen, was eine Wiederinbetriebnahme der Anlage ausschließt. 150 000 Menschen werden evakuiert. Erst mit einiger Verzögerung wird der Unfall mit der höchsten INES-Stufe sieben (katastrophaler Unfall) eingestuft. Als eigentliche Ursache der Katastrophe gilt die mangelnde Katastrophenvorsorge. So war die Anlage nur gegen maximal fünf Meter hohe Flutwellen geschützt, und die zur Notstromversorgung elementaren Generatoren und Batterien befanden sich teilweise in den zuerst gefluteten Kellerräumen der Anlage. Diese Mängel waren den teils personell eng verbandelten Behörden und der Betreiberfirma Tepco bekannt. Dennoch war die Betriebsbewilligung der eigentlich stillzulegenden ältesten zwei Blöcke aus den Jahren 1970 und 1973 noch kurz vor der Katastrophe verlängert worden.

Bilder/Pics Fukushima

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Ein Fischer überlebt den Tsunami, weil er aufs Meer fährt - und kehrt in eine zerstörte Stadt zurück

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Kernschmelze

  • Kernschmelze

    Nach dem Abschalten eines atomaren Reaktors wird zwar die Kernspaltung unterbunden, aber der radioaktive Zerfall der bei der Kernspaltung entstandenen Spaltprodukte dauert an. Nach einer Stunde macht dies noch etwa ein Prozent der thermischen Leistung des Reaktors aus. Im Falle des Schweizer Atomkraftwerks Mühleberg sind das 36 Megawatt, und auch nach zehn Tagen hat die sogenannte Nachzerfallswärme noch eine Leistung von über 7 Megawatt. Das entspricht 3600 Heizlüftern mit einer Leistung von 2 Kilowatt – die in einem Raum von der Größe eines Schlafzimmers aufgestellt sind. Knapp zehn Tonnen Wasser verdampfen bei dieser Leistung – pro Stunde. Dieses Kühlmittel muss deshalb auch nach dem Abschalten noch für längere Zeit kontinuierlich dem Reaktorkern zugeführt werden. Wird diese Kühlung unterbrochen, droht die Kernschmelze. Ist sämtliches Kühlwasser verdampft, beginnen sich die Brennelemente sehr schnell aufzuheizen. Nach einigen Stunden schmilzt der Brennstoff, der Reaktorkern ist zerstört. Dabei kann hochradioaktives Material entweichen und Mensch und Umwelt gefährden. Ein solcher Unfall wird als Super-GAU bezeichnet.

Film Fukushima

Eine initiative des

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