Anonym, Arbeiter in Fukushima-Daiichi, Japan

„Wir arbeiten unter Extrembedingungen“

n.n. berichtet unter dem Pseudonym »Happy« seit der Atomkatastrophe anonym in einem Twitter-Blog mit über 87 000 Followern von seiner Arbeit in der zerstörten Atomanlage Fukushima Daiichi. Seinen Namen nennt er nicht, weil er befürchten müsste, seine Arbeit zu verlieren, und weil er als eine der wenigen unabhängigen Stimmen weiter berichten will, was in der Atomanlage wirklich geschieht.

Arbeiter im Schutzanzug kurz nach der Katastrophe vom 11. März 2011. (Bild: S. Herman, Voice of America)

»Vielleicht noch zwei Jahre, vielleicht nur noch eines, dann habe ich die zulässige Strahlenbelastung von 400 Millisievert erreicht. Dann muss ich aufhören. Aktuell stehe ich, nach über 20 Jahren Arbeit im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, aber auch Einsätzen in anderen atomaren Anlagen, bei 360. Knapp hundert davon habe ich in den fünfzehn Jahren bis zur Katastrophe abgekriegt. Seither sind 260 dazugekommen. Ich war am 11. März 2011 auf dem Werkgelände, auch am Tag danach, bis es die erste Wasserstoff-Explosion gab. Wir waren draußen und schlossen mit dem Leben ab, nicht wegen der Strahlung, sondern der Teile der weggesprengten Decke, die uns um die Ohren flogen. Später schickte uns der Betriebsleiter weg. Er wollte nur noch direkte Angestellte von Tepco auf dem Gelände haben und keine Arbeiter, die von Subunternehmern geschickt worden waren. Damit hielt er sich an die geltenden Arbeitsverträge, die im Gefahrenfall eine Evakuierung vorsahen. Diese wurden kurz darauf angepasst, sodass wir nach einer Woche zurückkehrten und unsere Arbeit wiederaufnahmen. Die Umstände waren dramatisch, und wir konnten uns auch dann noch nicht sicher sein, ob wir den Einsatz überleben würden. Manche suchten das Weite, man konnte sie nicht zwingen.
Ich und viele meiner Kollegen blieben. Wir fühlten uns verantwortlich. Das ist unser Kraftwerk, in dem wir jede Schraube kennen. Und unser Know-how war und ist gefragt. Ich gehöre, auch wenn ich nicht von der Betreiberfirma Tepco angestellt bin, zu den erfahrensten Leuten im Werk. Ich habe bei einer Zeitarbeitsfirma angeheuert, als meine eigene Baufirma Konkurs gegangen und ich lange erfolglos auf Stellensuche gewesen war. Bis heute bin ich nicht fest angestellt, sondern stets für ein definiertes Projekt, das von Tepco ausgeschrieben und vergeben wird. So hangelt man sich von Auftrag zu Auftrag. Mein Arbeitgeber darf sich zum engeren Kreis der Firmen zählen, die wegen ihrer Kompetenz, aber auch guter Beziehungen in der Regel zum Handkuss gekommen ist. Das heißt: Auch mein Arbeitsplatz ist relativ sicher.
Doch das gilt nur für die wenigsten Zeitarbeiter. Es gibt ein feinstufiges hierarchisches System, das man sich wie eine Pyramide vorstellen kann. Zuoberst sitzt Tepco, darunter eine wachsende Zahl von Subunternehmen, die jeweils nicht direkt von Tepco, sondern von einem anderen Subunternehmen auf einer höheren Beziehungsstufe zu Tepco ihre Aufträge erhalten. In der Regel geben die oberen und mittleren Stufen die Aufträge je nach Anforderungsprofil weiter. Natürlich schneidet sich jeder eine Scheibe vom Kuchen ab, den Tepco zu vergeben hat. Bezahlt werden um die 800 Euro pro Tag. Ein Arbeiter auf der untersten Stufe sieht davon vielleicht noch einen Zehntel auf seiner Lohnabrechnung. Das ist in der Regel für das Anforderungsprofil noch immer ein vergleichsweise gutes Gehalt. Außerhalb der Atomindustrie ist es vielleicht die Hälfte davon. Das macht diese Jobs auf den ersten Blick sehr attraktiv, vor allem für ungelerntes und unerfahrenes Personal.
Dieses ausbeuterische System, von dem einige wenige auf Kosten vieler profitieren, hat über Jahrzehnte funktioniert, weil es sich nie bewähren musste. Wer nicht spurte, war schnell weg vom Fenster. Es gab immer genug Leute, die in die Bresche sprangen. Doch seit dem Atomunfall ist alles anders. Wir arbeiten permanent unter Extrembedingungen, nicht nur wegen der hohen Strahlenbelastung, sondern auch, weil jetzt viel mehr als früher jeder Handgriff in Sekundenschnelle sitzen muss. An manchen Orten geht es nur ein paar Minuten, bis man die für einen Arbeitstag zulässige Strahlendosis erreicht hat und mit der Arbeit aufhören muss. Die notwendigen Aufgaben können eigentlich nur erfahrene Leute in dieser Zeit erledigen. Doch immer mehr Angestellte sind, wie ich, am Limit der Dosis, die sie überhaupt aufnehmen dürfen. Ich werde deshalb, zu meinem großen Bedauern, schon länger nicht mehr dort eingesetzt, wo meine Erfahrung wirklich zählt. Stattdessen wird unerfahrenes Personal verwendet, das wir jeweils für den Einsatz trainieren. Viele halten diese Belastung nicht aus und geben schon nach ein paar Tagen wieder auf. Ich kann sie verstehen. Man arbeitet in einem schweißtreibenden Schutzanzug, mit Gas- und Gesichtsmaske und einem stark eingeschränkten Sichtfeld. Manche stolpern herum wie Betrunkene, weil sie nichts sehen. Tepco spricht von offiziell 7000 Beschäftigten auf dem zerstörten Reaktorgelände. Ich behaupte, dass es im Laufe eines Jahres fünf- bis sechsmal mehr sind, weil so viele nur für ein paar Tage oder Wochen bleiben. Wie soll das weitergehen, wenn hier noch für Jahrzehnte gefährliche Arbeit zu erledigen ist? Vieles, was seitens Tepco gesagt wird, ist sowieso reine Schönfärberei. Kein Mensch weiß heute, wie die geschmolzenen Reaktorkerne gefahrlos entsorgt werden können. Dabei soll es schon 2017 damit losgehen. Das ist schlicht unmöglich. Die Regierung plant inzwischen, die Grenzwerte der Lebensdosis für das Personal in AKWs von 400 auf 1000 Millisievert zu erhöhen. Ich unterstütze diesen Plan. Es ist der einzige Weg, der uns bleibt. Nur so können die erfahrenen Leute weiter tätig sein. Auch ich. Ich gehöre hierher. Das ist meine Welt, mein Atomkraftwerk.«

zum Weiterlesen:

»Das ist nicht unsere Sache«: Die atomare Katastrophe in Fukushima-Daiichi war die Folge unverantwortlichen Handelns der Betreiberfirma Tepco und der staatlichen Aufsichtsbehörden. Von Verantwortung ist auch jetzt nur auf Nachfrage die Rede.