Droht eine Finanzierungspleite für das AKW Hinkley Point C?

Farbenfroh ist die Zukunft der Atomkraftwerke keineswegs, die Kosten wachsen in den Himmel, die Risiken auch (Bild: Pixabay) Farbenfroh ist die Zukunft der Atomkraftwerke keineswegs, die Kosten wachsen in den Himmel, die Risiken auch (Bild: Pixabay)

Der Atomreaktor im französischen Flamanville kann nicht fristgerecht an den Start gehen. Daran geknüpft ist ein britischer Milliardenkredit für das AKW Hinkley Point C. Der Fall enthüllt ein komplexes Finanzierungskonstrukt der Atomwirtschaft. 

Die Fertigstellung des Druckwasserreaktors vom Typ EPR an Frankreichs Nordküste verzögert sich weiter. Sie wird regelmässig wegen baulicher Mängel verschoben, ursprünglich sollte der Reaktor bereits 2012 ans Netz gehen. Doch wegen Ausbesserungsarbeiten wird der Betriebsstart nun erst Ende 2022 erwartet. Es dürfte also endgültig Essig sein mit den 14 Milliarden Euro britischer Staatsbeihilfen, die laut EU-Beschluss unter der Bedingung fliessen sollten, dass der EPR Ende 2020 fertiggestellt sei. Die Subventionen sollte der französische Betreiber EDF allerdings für seinen bereits begonnenen Bau des britischen AKWs Hinkley Point C verwenden. Die französische Atompolitik gerät immer mehr in Turbulenzen. 

Franzosen unter Druck
Offiziell wurde erst Ende Juni bekannt gegeben, dass sich die endgültige Fertigstellung des EPR noch zwei Jahre hinziehe. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN fordert Korrekturen. Bereits im Frühjahr bloggte Dave Toke, Energieprofessor an der Universität von Aberdeen, über bauliche Verzögerungen und eine drohende Finanzierungskrise für Hinkley Point C. EDF hoffte im Stillen, die Ausbesserungen an den Schweissnähten der Reaktorhülle im Versuchsbetrieb ausführen zu können, um die Frist für den Staatskredit einzuhalten. Nun müsste der Energiekonzern theoretisch für Entwicklungs- und Produktionskosten von Hinkley Point C selbst tief in die bereits leeren Taschen greifen. „Die Franzosen stehen unter Druck“, meint Eva Stegen, Energiereferentin bei den Elektrizitätswerken in Schönau. Die einstmals renommierten Reaktorbauer fahren inzwischen eine Schlappe nach der anderen ein. Die Kosten für den EPR haben sich verdreifacht. Baubeginn war 2007. Die an die Inbetriebnahme gekoppelte, britische Kreditzusage sieht die Energiereferentin als Absicherung der Briten, um die Funktionsfähigkeit des Flaggschiffs EPR nachzuweisen, bevor für dieselbe Druckwassertechnologie weiter Kapital in Hinkley Point C fliesst. Doch die aktuellen Verzögerungen stellen die von Anbeginn umstrittene Technologie des so genannten Europäischen Druckwasserreaktors, kurz EPR, erneut in Frage.

Und sie werfen die Frage auf, wie es mit dem Meiler C von Hinkley weiter geht angesichts dieser Misere. Der Erweiterungsbau war bereits 2013 beschlossen worden, die Bauarbeiten begannen offiziell erst im vergangenen Jahr. Die Finanzierung des ersten britischen Kernreaktors seit fast 35 Jahren war lange Zeit unsicher, erst mit der Kreditzusage und einer noch umstrittenen, garantierten Einspeisevergütung durch die Regierung, nahm das Projekt Fahrt auf. 

Geheimakte Atomkraft
Bei Hinkley gehe es ohnehin nur vordergründig um Stromversorgung, behauptete Ralf Sotscheck, Grossbritannien Korrespondent der TAZ bereits 2016. Er zitiert eine Studie der Universität Sussex, die belegt, was die Regierung gern geheim hält: „Die Entwicklungs- und Finanzierungskosten für die Erneuerung der Atom-U-Boot-Flotte Trident sollen in den zivilen Bereich, also für die Entwicklung von Hinkley Point C ausgelagert werden, auch wenn das Modell mit 150 Megawatt Leistung viel kleiner ist“, so Philip Johnstone, Mitautor der Sussex Studie und Forschungsstipendiat. Mit der Kernindustrie seien starke industrielle Netzwerke verknüpft, argumentieren auch Mycle Schneider und Antony Patrick Froggatt, die Verfasser des World Nuclear Industry Status Report 2018. Sie belegen, dass Atom-U-Boot Konstrukteur Rolls Royce an einem Programm zur Adaption modularer Unterseereaktoren für die zivile Energienutzung des Landes forscht, um das Verteidigungsministerium zu entlasten. Denn im Vereinigten Königreich wird das Geld knapp. Die Kosten für Trident werden ohnehin ständig nach oben korrigiert, zuletzt war von rund 50 Milliarden Euro die Rede.

 

Das britische AKW Hinkley von Westen aus mit den Stationen A/B 2002 (Bild: Wikipedia, Richard Baker)

 

Versteckte Gelder für Verteidigung
Doch in Grossbritannien sieht es trotz der Pannenära von Flamanville nicht nach einer Kursänderung aus: „Die von der Regierung gesetzten Kreditgarantien für den EPR 3 sind Teil der ernsthaften Unterstützung einer neuen Nuklearstrategie“, meint Forschungsstipendiat Johnstone. Dies geschehe zu einer Zeit, in der die Beihilfen für offenkundig kosteneffizientere erneuerbare Energien gekürzt würden. „Das ist umso besorgniserregender, weil kaum diskutiert wird, dass die nuklearen Neubauprojekte im Vereinigten Königreich eine Schlüsselrolle spielen, um die nukleare Marine-Industrie zu erhalten.“ Diese zivil-nuklearen Verträge dienten dazu, wichtige Rüstungsunternehmen weiterhin mit Aufträgen zu versorgen. „Die Kosten fallen ausserhalb des Verteidigungsbudgets und der öffentlichen Haushalte an und sind so von jeder politischen Kontrolle abgeschirmt“, meint Johnstone. Als skandalös und als Akt der Verzweiflung, bezeichnet er den Vorstoss der Regierung von Ende Juli, die Verbraucher mithilfe der angekündigten neuen Nuklearstrategie (Regulated Asset Base, kurz RAB) im Voraus in Zahlungspflicht zu nehmen, um die Atomenergie und das damit verbundene Leistungsvermögen im Land zu halten.

Atomwirtschaft immer teurer und fragwürdiger
Von einer zivil-militärischen Parallelwirtschaft spricht Eva Stegen, die darüber unter #atoms4war twittert. Sie zählt Synergien auf, wie etwa die Lieferketten für Spezialkomponenten atomarer Schiffsantriebe, für Atom-U-Boote-, und –flugzeugträger, für den Uranbergbau und die -anreicherung sowie eine weitverzweigte Ausbildungsstruktur für Fach- und Forschungskräfte aus den Bereichen Maschinenbau, Elektronik, und Radiochemie und –physik, um nur einige der betroffenen Fachgebiete zu nennen. „Gäbe es diese Synergien nicht, würde sich der Verteidigungshaushalt um ein Vielfaches aufblähen, die Beschaffung bestimmter Materialien würde zeitaufwändiger, wenn nicht gar unmöglich“, behauptet Stegen. In Frankreich verhalte es sich nicht anders. Auch dort steht die Erneuerung der Atom-U-Boot-Flotte an. Auch dieses Projekt wird vermutlich über einen zivil-militärischen Nukleardeal finanziert. Im Januar diesen Jahres twitterte Technic Atome, der Hersteller für nukleare Schiffsantriebe, anlässlich des Vertragsabschluss mit CEA, der französischen Kommission für Atomenergie, mit EDF, sowie dem Marineschiff- und U-Boot-Bauer Naval Group über den Bau eines "Small Modular Reactors" SMR. "Sollte Flamanville 3 floppen, sieht es nicht nur mit der der zivilen Atomkraft im Land mau aus, sondern auch mit der nuklearen Verteidigungsstrategie der Franzosen und Briten“, so die #atoms4war-Aktivistin. 

 

In der Kritik: Der im Bau befindliche EPR von Flamanville (Bild: EDF)

 

Schweigen als Gebot der Stunde
Die nuklearen Verflechtungen beider Länder sind massiv. Offizielle Meldungen zum weiteren Vorgehen gibt es bisher weder von EDF noch von der britischen Regierung. Energieprofessor Dave Toke spricht von zwei möglichen Optionen, wenn EDF die Vertragsfrist nicht einhalten kann. „Das britische Finanzministerium könnte auf die Bedingungen verzichten, obwohl dies Zweifel aufkommen liesse an der Arbeit von EDF, insbesondere am Sizewell C Projekt, für das der Konzern mehr Rückendeckung von der britischen Regierung braucht. Oder der französische Energiekonzern baut Hinkley ohne die Kredite aus dem Vereinigten Königreich zu Ende“, sagt Toke. Doch das erscheine unwahrscheinlich, wenn man davon ausgehe, dass dem Konzern das Geld fehle. „Die französische Regierung müsste also mehr oder weniger direkt einspringen, was bizarr wirkt, weil sie noch mehr als bisher Anlagen in einem anderen Land finanzieren müsste“, argumentiert Toke. Freilich könnte man das Projekt auch komplett aufgeben, doch der Wissenschaftler hält eine Kombination der ersten beiden Optionen für denkbar, allerdings sieht er eine Menge öffentlicher Kontroversen vorprogrammiert. Momentan bestehe für EDF die zwingende politische Notwendigkeit, das Thema nicht hochzuheben -und damit der britischen Regierung vorzugreifen, die versuche, das neue Finanzierungssystem namens Regulated Asset Base- zu etablieren. Das sollte mehr Spielräume in der Preisgestaltung und Kreditvergabe einräumen. Es sieht danach aus, als würde wie auch in Frankreich auf der Insel das Möglichste getan, um eine Finanzierungspleite abzuwenden.

Verbraucher sollen zahlen
In Frankreich ist die Spaltung von EDF seit Ende Juni im Gespräch, der Staatskonzern ächzt unter einer Last von 37 Milliarden Euro Schulden. Der Konzernchef Lévy präsentiert eine „EDF blau“, die alle Kraftwerke und Stromnetz unter ihrem Dach vereine und voll im Staatsbesitz bliebe, und die "EDF grün", eine privatisierte Variante für die Erneuerbaren und den kommerziellen Handel mit Strom. Der Staat, also die Steuerzahler, solle für die Atomschulden aufkommen, während Private mit dem Stromhandel Geld verdienen, so die Kritiker. Sie mehren sich auch unter den bisher so atomverliebten Franzosen, denn die Technologiekosten des bisher so günstigen, weil subventionierten Atomstroms steigen. Die EPR-Technologie sollte die bestehenden 58 Kernreaktoren langfristig ablösen. An den Startschuss von Flamanville koppelte Präsident Macron die Abschaltung von Fessenheim, wie auch die Abschaltung der vier letzten Kohlekraftwerke des Landes 2022. Man darf gespannt sein, ob Macron im Rahmen seiner Amtszeit erfüllt, was schon Nikolas Sarkozy versprach. Vor dem Hintergrund der nuklearen Abhängigkeiten werden wohl auch die Verbraucher stärker zur Kasse gebeten, die unkalkulierbaren Risiken dieses nuklearen Deals reichen weit über die Landesgrenzen hinaus. 

 

Links: 

 

Offizielles Journal zur Gesetzgebung der Europäischen Union vom April 2015 

Time to cancel Hinkley? Studie des Energieprofessors Steve Thomas an der Universität von Greenwich, September 2017

Hidden money for Atom-U-Botte, Taz Artikel aus dem Jahr 2016

World Nuclear Industry Status Report aus dem Jahr 2018

"Bau des Atomreaktors von Flamanville bleibt ein Desaster" auf energiezukunft, 26.Juni 2019

Bau des Vorzeige-Atomreaktors verteuert sich massiv, Saarbrücker Zeitung

Vertragsabschluss über den SMR, französisches Ministerium für Atomenergie

Twitter Post von #atoms4war Eva Stegen über zivil-militärischen Nuklear-Deal in Frankreich, 30.01.2019

 

 

 

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