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Frankreichs Liebe zum Atom

Bild zur Doku "Atom mon amour" (WDR, Mathias Werth) Bild zur Doku "Atom mon amour" (WDR, Mathias Werth)

Die Weltspiegel-Reportage „Atom mon amour“ beleuchtet die Beziehung der Franzosen zur Atomenergie. Es ist eine Reise durchs Land und hin zu den Menschen, die ihre nukleare Technologie als Teil ihrer Kultur verstehen, und als absolut sicher.

Frankreich hat 58 Atomreaktoren, mehr als jedes andere Land Europas.„Was lieben die Franzosen so sehr an der Atomenergie?“, lautet die leitende Frage des Weltspiegel-Reportage Teams. Die halbstündige Dokumentation startet im Norden beim grössten Kernkraftwerk Flamanville, führt hinter die Kulissen der Wiederaufbereitungsanlage von La Hague, und kreuz und quer durchs Land bis zum Kernforschungszentrum Cadarache im Süden. Bei der Spurensuche kommen Anwohner, Kernkraftwerksmitarbeiter und Atomkraftgegner des Landes zu Wort. „In Frankreich ist die Atomlobby der Staat“, meint Didier Anger, ein Urgestein der französischen Anti-Atomkraft-Bewegung, der mit seiner Frau Paulette seit 40 Jahren aktiv ist. Doch sie sind in der absoluten Minderheit.

Man muss nicht immer das Schlimmste befürchten
Die Atomkraftwerke seien kein Grund zur Besorgnis finden die unbekümmert badenden Franzosen am Strand der Normandie. Der Badestrand liegt vor der Kulisse von Flamanville; vis à vis prangt die Wiederaufbereitungsanlage von La Hague. Kein schönes Bild, aber umso eindrücklicher, weil es die badenden Franzosen nicht im Geringsten stört. Im Gegenteil: „Ich bin stolz in dieser Industrie zu arbeiten“, bekennt später ein Mitarbeiter von Urano, der Betreiberfirma von LaHague, der das Filmteam durch die Anlage führt. Er liefert eine ökologische Erklärung von Recycling als Prinzip gesellschaftlicher Verantwortung. Das wirkt aufgesetzt. Offenherzig gibt sich der Winzer Rodolph Ruffaut im Weinbaugebiet Chenin an der malerischen Loire, der mit Kollegen seit Jahren darum kämpft, dass die gleichnamige Atomanlage umbenannt wird. Sie könnte dem Ruf des Weins nachhaltigen schaden. Zum Zeitpunkt seiner Erbauung war das Atomkraftwerk eine Ehre für die Region gewesen, seine wirtschaftliche Bedeutung bestreitet auch der Winzer nicht. Die grosse Akzeptanz der Technologie hänge mit der politischen Tradition Frankreichs zusammen, erklärt ein Atomingenieur von Cadarache beim inoffiziellen Pressetermin unter Platanen. Der einstige Präsident De Gaulles definierte Atomkraft als Schlüssel zur neuen Weltstellung Frankreich. Das Kernforschungszentrum Cadarache in der Nähe von Marseille verfügt über einen jährlichen Etat von mehreren 100 Mio. Euro. Die Bewohner der Region vertrauen der als sicher deklarierten Technologie, bestärkt durch staatliche Vertreter wie den hiesigen Bürgermeister.

Das Bollwerk bröckelt
Doch die Kamera lenkt die Blicke auch hin zu den Rissen in der Liebesbeziehung. Etwa im lothringischen Bure, wo ein einzelner Landwirt vergeblich gegen das im Bau befindliche atomare Tiefenlager aufbegehrt, seine Kollegen haben längst aufgegeben. Nicht mehr alles läuft rund: Bereits 2018 sollte der neue Reaktor in Flamanville in Betrieb gehen, nun wird es wohl 2022 werden. Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen und wirtschaftliche Probleme der Betreiberfirma EDF werfen grössere Schatten auf die Atomenergie, die in Summe die Herzensdame bleibt. Die Doku liefert ruhige, klare Bilder ohne Effekthascherei. Es ist eine liebevolle Annährung an ein kollektives, emotionales Phänomen. Der politische Druck auf die Gegner durch die zentralistische Regierung wird nicht ausgespaart. Hilflos und eher wie schmückendes Beiwerk wirkt das Grüppchen unverdrossener Bürgerrechtler gegen die radioaktive Belastung des Meers, das in der letzten Szene den Strand absucht.

 

Manuela Ziegler

 

Weltspiegel-Reportage: Atom mon amour.