Atomwaffen halten Kernenergie am Leben

Kernkraftwerk Olkiluoto 3: Vielleicht geht das Kernkraftwerk  2018 in Betrieb. Kernkraftwerk Olkiluoto 3: Vielleicht geht das Kernkraftwerk 2018 in Betrieb.

Der Statusreport 2018 zur Atomenergie belegt eine leichte Zunahme der Kernenergie-Kapazität, aber auch der effektiven Produktion. Übertroffen wird sie aber durch die noch viel stärkere Zunahme sowohl der Kapazität als auch der Produktion bei der Solar- und Windenergie.

Die Atomenergie produzierte 2017 ein Prozent mehr Energie als 2016. Die Krise nach dem Unfall von Fukushima scheint fürs erste überwunden. Von einer Renaissance der Kernenergie zu sprechen, wäre aber übertrieben. Denn im gleichen Zeitraum nahm die Produktion von Solarenergie um 25 Prozent und von Windenergie um 17 Prozent zu. Während 2017 mit Wind 1111 Terrawatt und mit der Sonne 442 Terrawatt produziert werden, liegt die Kernenergie bei 239 Terrawatt. Das ist im Falle der Atomenergie gegenüber der Spitze von 2006 (379 Terrawatt) noch immer ein markanter Rückgang. Zudem sinkt die Zahl der geplanten Reaktoren: Von 68 im Jahre 2013 auf 50 im Jahre 2018. 2017 produzierten bereits neun der 31 Atomenergieländer mehr Strom mit erneuerbaren Energien, darunter China, Deutschland, Japan oder Grossbritannien. Dass sich die Kernenergie vorläufig noch über Wasser halten kann, hat einen Grund. Mycle Schneider, Herausgeber des „World Nuclear Industrie Status Report 2018“ kommt zum Schluss: der Treiber, die Kernenergie am Leben zu erhalten, ist das Militär. In Zeiten von Smart Grid und Eigenverbrauchsgemeinschaften scheint die Atomenergie etwas aus der Zeit gefallen. Doch zwischen dem Bau und dem Unterhalt von Atomwaffen und der zivilen Nutzung besteht eine enge Verbindung. Das war schon bei der der Entwicklung der Kernenergie so, als neue Atommächte wie Frankreich gleichzeitig auf die zivile Nutzung der Kernenergie setzen. Kurz: Die Atomenergie ist ein Schlüsseltechnologie bei der Entwicklung von Atombomben.

Im Zuge der Diskussion über den Klimawandel präsentierte sich die Atomenergie mit Erfolg als Ersatz für Kohlenenergie. Diese Bedeutung geht verloren, wenn man die Wachstumsraten der erneuerbaren Energien sieht. Gleichzeitig kommen immer mehr Kernkraftwerke in die Jahre. 60 Prozent der Kernkraftwerke sind älter als dreissig Jahre alt und der öffentliche Druck steigt, sie vom Netz zu nehmen. In den nächsten Jahrzehnten kommt es zu einer Welle von Stilllegungen und das Augenmerk richtet sich zunehmend auf die Zeit, nachdem ein Kernkraftwerk vom Netz gegangen ist. Ein Rückbau ist finanziell eine grosse Herausforderung. Der Statusbericht erwähnt 173 Reaktoren, die weltweit geschlossen wurden. Davon wurden bisher nur 19 zurückgebaut und gerade mal die Fläche von zehn ehemaligen Kernkraftwerken sind heute wieder eine grüne Wiese. Bezüglich des Rückbaus zeigt sich in verschiedenen Ländern, dass die ehemals berechneten Rückstellungen nicht ausreichen werden.

Militär als Treiber

Mit Bangladesch und der Türkei steigen neu zwei Länder in die Kernenergie ein. Der russische RosAtom-Konzern plant, baut und betreibt das künftige Kernkraftwerk im türkischen Akkuyu. Es ist vorgesehen, dass das Kernkraftwerk Akkuyu ein Erdbeben mit einer Magnitude von nur 6,5 auf der Richterskala überstehen muss. In einer Gegend, wo starke Erdbeben vorkommen, scheint diese Regelung nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Erbauer ein Risiko. Auch Weissrussland und die Vereinigten Arabischen Emirate entwickeln Baupläne. Zwei Drittel aller sich im Bau oder der Planung befindlichen Projekte sind im Rückstand. Darunter gibt es bizarre Projekte wie Angra III in der Provinz Rio de Janeiro, das sich seit 33 Jahren im Bau befindet, aber scheinbar schon wertvolle Dienste leistet: als Selbstbedienungsladen für korrupte Politiker. Russland und vor allem China dominieren inzwischen den Bau und die Weiterentwicklung der Kernenergie. Neben dem reinen Technologietransfer ermöglichen vor allem neue Geschäftsmodelle den Bau der Reaktoren. Dafür steht das Beispiel Türkei, wo der Erbauer das Kernkraftwerk betreibt und den Strompreis bestimmt Es entsteht eine einseitige Abhängigkeit. Das Build-Own-Operate-Modell (BOO) funktioniert am Bosporus solange gut, wie auch die Machtträger miteinander auskommen. Andere Länder lassen sich Kraftwerke zu einem Festpreis liefern. Wie Finnland mit dem Kernkraftwerk Olkiluoto III, einem Europäischer Druckwasserreaktor. Der 2005 begonnene Bau hätte 2012 mit 1600 MW Leistung in Betrieb genommen werden. Bevor das Kraftwerk auch nur ein Watt ins Netz einspeiste, trafen sich Auftraggeber und das Baukonsortium vor Gericht. Für den französische AREVA-Konzern und Siemens ist das Projekt ein finanzielles Desaster. Die neuen Geschäftsmodelle zeigen die Schwierigkeiten bei neuen Kernkraftwerken. Der Berliner Flughafen oder die eingestürzte Brücke von Genua zeigen ein neues Phänomen: Der Umgang einer von Sparzwängen geschwächter Gesellschaft mit komplexen Infrastrukturbauten. Die Auftraggeber wollen Kernkraftwerke schlüsselfertig zu einem möglichst tiefen Preis. Westliche Anbieter können das kaum mehr liefern. Zumal während der Bauzeit neue Sicherheitsstandards auf sie zukommen. Deshalb drängen chinesische Erbauer auch auf den westeuropäischen Markt. Etwa beim Bau des geplanten britischen Projektes Hinkley Point C für das sich der französische Energieriese EDF verantwortlich zeichnet. Es ist eine Situation mit Symbolcharakter. Es könnten Chinesen entsteigen, die ein gewisses Interesse signalisiert haben. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass das Projekt still und leise begraben wird.

 

 

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