Späte Reaktion in Sachen Strahlenschutz

Der Historiker Lukas Emmenegger forscht zur Schweizer Uhrenindustrie (Bild: privat) Der Historiker Lukas Emmenegger forscht zur Schweizer Uhrenindustrie (Bild: privat)

Die Forschungen zur Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie haben neue Erkenntnisse zutage gebracht. Der Historiker Lukas Emmenegger von der Universität Bern spricht in seiner Masterarbeit von einer verzögerten Reaktion der Behörden zu Lasten der betroffenen ArbeitnehmerInnen.

Herr Emmenegger, Sie haben in Ihrer Studie neue Aspekte des Strahlen- und Arbeitsschutzes ans Licht gebracht. Welche sind das?

„Die eidgenössischen Behörden und die Suva blieben, obwohl sie das Gefährdungspotenzial des Radiums bereits seit Mitte der 1920er Jahre kannten, bis in die 1950er Jahre weitestgehend untätig, was den Schutz der Arbeitnehmenden vor ionisierenden Strahlen betrifft. Aus heutiger Sicht erstaunt das, lässt sich aber relativieren.“

Wie ist die Untätigkeit der Bundesbehörden und der Suva zu relativieren?

Das Gesundheitsrisiko ionisierender Strahlen wurde nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit lange unterschätzt; die Spätfolgen waren anfänglich nicht abzuschätzen. Dies soll keineswegs die frühere Untätigkeit der Bundesbehörden und der Suva entschuldigen. Der Schutz der Arbeitnehmenden vor gesundheitsgefährdenden Stoffen wurde den wirtschaftlichen Interessen der Arbeitgeberseite – und im Beispiel der Radioaktivität auch den Interessen der Forschung, der Medizin und des Bundes – gegenübergestellt und diesen nicht selten untergeordnet. Zugutehalten muss man den Bundesbehörden und der Suva, dass sie ab den 1950er Jahren die Etablierung von Strahlenschutzmassnahmen – auch im Kontext internationaler Bestrebungen zur Vereinheitlichung – auf eidgenössischer Ebene aktiv vorantrieben. Der Umgang mit Radium zeigt exemplarisch auf, dass zwischen der Feststellung des Gefährdungspotentials eines Stoffes und dessen legislativer Regulierung bisweilen ein langwieriger Aushandlungsprozess liegen kann. Dieser langjährige Aushandlungsprozess ist nicht atypisch für die Schweizerische Eidgenosssenschaft.

 

Prozentuale Verteilung der potenziell radiumkontaminierten Arbeitsstätten der Uhrenindustrie auf die Schweizer Kantone (Grafik: Lukas Emmenegger)

Wer war vor allem betroffen?

Das Auftragen von Radiumleuchtfarben wurde in erster Linie von jungen Frauen ausgeführt, wobei wir das prozentuale Geschlechterverhältnis nicht kennen. Wenn ich schätzen müsste, würde ich wohl davon ausgehen, dass rund 90 Prozent der Setzarbeiten von Frauen ausgeführt wurden. Nicht nur das Radiumsetzen, sondern fast alle Tätigkeiten der Schweizer Uhrenindustrie waren geschlechtsspezifisch aufgeteilt. Während die qualifizierten und angesehenen Arbeiten meistens von Männern ausgeführt wurden, fielen den Frauen die Arbeiten zu, für die oftmals keine Berufslehre notwendig war. Leuchtfarbensetzen galt als einfache Arbeit, da abgesehen von Präzision, Geduld und einer ruhigen Hand keine besonderen Fähigkeiten oder Kenntnisse vorausgesetzt wurden.

Welche gesundheitlichen Schäden erwuchsen und wurden die Betroffenen jemals entschädigt?

Die Gesundheit vieler Setzerinnen wurde durch den Umgang mit Radiumleuchtfarben stark beeinträchtigt. Im Rahmen medizinischer Reihenuntersuchungen Anfang der 1960er Jahre stellten die Bundesbehörden und die Suva bei zahlreichen Radiumsetzerinnen somatische Schäden wie Knochenmetastasen, Spontanfrakturen und Strahlendermatitis fest. Die Unterlagen zu diesen am Universitätsspital Genf durchgeführten Untersuchungen waren nicht mehr auffindbar. Im Besitz der Suva befinden sich jedoch zahlreiche Dokumente, die über die in Genf durchgeführten Untersuchungen Auskunft geben. Diese (unter Datenschutz stehenden) Dokumente habe ich einsehen können und in meinen Bericht einbezogen. Während es in den USA nach zahlreichen radiuminduzierten Todesfällen in der Leuchtfarbenbranche zu vielbeachteten Gerichtsprozessen kam, wurden in der Schweiz gemäss den bisherigen Recherchen keine Schadenersatzforderungen erhoben.

Zu welchem Ergebnis sind Sie bei der Untersuchung der radiumverarbeitenden Arbeitsstätten gekommen?

Meine statistischen Auswertungen haben ergeben, dass es sich bei rund zwei Dritteln aller radiumverarbeitenden Arbeitsstätten der Schweizer Uhrenindustrie um Heimarbeitslokale oder um Werkstätten von Klein- und Kleinstbetrieben handelte, die sich auf das Setzen radioaktiver Leuchtfarben spezialisiert hatten. Die restlichen Arbeitsstätten, in denen Radiumfarben verarbeitet wurden, verteilen sich auf Uhrenfabriken beziehungsweise Manufakturen, Etablisseure, Terminage-Betriebe, Bestandteilhersteller sowie auf die Hersteller der Leuchtfarben. Die wirtschaftlichen Strukturen und Distributionswege dieser Branche waren sehr komplex.

Konnten angesichts der weitverzweigten Distributionswege die kontaminierten Arbeitsplätze im Nachhinein alle ausfindig gemacht werden?

Nein, es ist in der Tat davon auszugehen, dass noch einige weitere Liegenschaften in der Schweiz betroffen sind. Anhand der Archivrecherche sind nicht alle potenziell mit Radium kontaminierten Arbeitsstätten der Schweizer Uhrenindustrie zu ermitteln. Im Wesentlichen hängt das mit zwei Faktoren zusammen: Erstens ist die Archivierung selektiv, d.h. nicht alle Dokumente wurden aufbewahrt. Zweitens wurden schlicht nicht alle Radiumverwendungen dokumentiert. In besonderem Masse trifft das auf die Heimarbeit zu.

 

Prozentuales Verhältnis zwischen sicheren und unsicheren Fällen von Arbeitsstätten mit Radiumverwendung (Grafik: Lukas Emmenegger)

 

Wie hoch ist die Dunkelziffer der kontaminierten Arbeitsstätten in der Heimarbeit?

Ich gehe davon aus, dass anhand der Archivrecherche und der beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingegangenen Privatmeldungen rund 90 Prozent der ehemals radiumverarbeitenden Unternehmen der Schweizer Uhrenindustrie ausfindig gemacht werden konnten. Die Dunkelziffer der mit Radium arbeitenden Heimarbeiterinnen fällt hingegen vermutlich höher aus. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Heimarbeit in der Schweiz gesetzlich lange nicht geregelt war und die Auftraggeber erst um 1940 verpflichtet wurden, ein Verzeichnis über die von ihnen beschäftigten HeimarbeiterInnen zu führen. Die Ermittlung der HeimarbeiterInnen, die vor den 1940er Jahren Radiumleuchtfarben setzten, ist aufgrund der weitgehend fehlenden Dokumentation heute nur bedingt möglich.

Das heisst, man kann die meisten kontaminierten Liegenschaften gar nicht ausmachen?

Nein, so kann man das nicht sagen. Wir haben die allermeisten betroffenen Liegenschaften gefunden, können aber nicht ausschliessen, dass es noch weitere Liegenschaften gibt, in denen potenziell ebenfalls mit Radiumleuchtfarben gearbeitet wurde. Die einzige Möglichkeit einer möglichen abschliessenden Beseitigung der Radiumaltlasten aus der Uhrenindustrie wäre, dass in den Gebieten, in denen die Uhrenindustrie besonders ausgeprägt war, jedes vor 1963 erbaute Haus untersucht würde. Dieses Vorgehen wäre aber mit einem riesigen Aufwand und wohl auch mit untragbaren Kosten verbunden.

Zum Historiker 

Lukas Emmenegger (geb. 1986) studiert Geschichte mit Schwerpunkt Neueste und Neuere Schweizer Geschichte und Philosophie an der Universität Bern. Im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und unter Leitung der Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Brigitte Studer forschte er als Mitarbeiter des Historischen Instituts seit Herbst 2015 zur Verwendung von radioaktiven Leuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie (1907-1963), die Recherchen mündeten in seiner jüngst eingereichten Masterarbeit. Neben dem Studium beschäftigt er sich insbesondere mit der Geschichte seines Heimatkantons. Zuletzt verfasste er eine Monografie zur Geschichte der Luzerner Teigwarenfabriken (2014) und einen Aufsatz über das Luzerner Wirtswesen, der 2016 im Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern abgedruckt wurde.


Zum Aktionsplan Radium 2015-2019


Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beauftragte die Universität Bern mit der historischen Suche nach potenziell mit Radium kontaminierten Liegenschaften durch die Schweizer Uhrenindustrie. Über eine Medienmitteilung und Recherchen von BAG und Suva konnten rund 600 Liegenschaften ermittelt werden. Die historische Suche konnte zusätzlich weitere rund 400 Liegenschaften ermitteln. Bei zwei Dritteln der gesamten Fälle handelt es sich um sichere, bei einem Drittel um unsichere Fälle. Die sicheren müssen systematisch kontrolliert werden, bei den unsicheren Fällen laufen Nachforschungen, ob systematische Kontrollen erforderlich sind. Das BAG geht davon aus, dass der weitaus grösste Teil der kontaminierten Liegenschaften gefunden wurde. Vermutlich müssen rund 20%, also 180 Liegenschaften saniert werden. Bei 63 Gebäuden sind die Sanierungen bereits abgeschlossen.

 

Quelle:

Lukas Emmenegger, Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie, Historischer Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit, Universität Bern 2018.

 

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