Dienstag, 21 November 2017 14:11

Zwischenfall in russischer Wiederaufbereitungsanlage Mayak als Ursache für Freisetzung von Ruthenium 106?

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Baustelle eines Zwischenlagers für radioaktive Abfälle in Mayak (U.S. Army Corps of Engineers, 2009) Baustelle eines Zwischenlagers für radioaktive Abfälle in Mayak (U.S. Army Corps of Engineers, 2009)

In Russland sind bei einem nicht näher spezifizierten Vorfall im September «äusserst hohe» Konzentrationen des Isotops Ruthenium 106 freigesetzt worden. Die russische Atomaufsichtsbehörde Rostehnadzor hatte noch vor kurzem behauptet, man habe keine erhöhten Werte registriert. Westeuropäische Messstationen hatten dagegen schon im Oktober einen Fallout gemessen und Russland als Quelle vermutet. Diese Tatsachen-Leugnung erinnert fatal an den Super-Gau von Tschernobyl, über den sich die sowjetische Führung während Wochen ausschwieg. Nun deutet vieles darauf hin, dass das Ruthenium 106 aus der Wiederaufbereitungsanlage in Mayak stammt. Dort wird gerade gross aufgerüstet.


«Es gibt keinerlei Gefahr für die Bevölkerung in der Umgebung von Mayak. Die Meldung, wonach es zu Kontaminationen durch Ruthenium 106 gekommen sei, ist nicht exakt. Die Wiederaufbereitung von nuklearen Abfällen läuft normal weiter. Die Emissionen sämtlicher Radionuklide durch die Fabriken in Mayak sind unbedeutend und liegen unter den Grenzwerten, wie sie von der Aufsichtsbehörde Rostehnadzor vorgegeben werden. Das bestätigen unsere Messungen in der Umgebung». So äusserte sich am 18. Oktober nach einem Bericht der in Paris im politischen Exil lebenden Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Nadezda Kutepova der Direktor der Wiederaufbereitungsanlage in Mayak, M. Pokhlebaev. Er muss es besser gewusst haben, so wie die Föderale Agentur für Atomenergie in Russland, Rosatom. Diese hatte am 11. Oktober versichert, es habe in Mayak weder einen Vorfall noch einen Unfall gegeben. Das Ministerium für öffentliche Sicherheit in der Region Tscheljabinsk, wo sich die atomare Anlage Mayak befindet, vermutete eine Kampagne aus Anlass des 60. Jahrestages des atomaren «Unfalls» in der Anlage, um an «geheime Informationen» heranzukommen. Nun meldet der russische Wetterdienst Rosgridromet, dass «extreme hohe» Konzentrationen des radioaktiven Isotops Ruthenium 106 in Tatarstan an der Wolga und in Südrussland gemessen worden seien. Die höchste Konzentration wurde nach einem Bericht des «Guardian» in Argayash registriert, einem Dorf im südlichen Ural, wo die natürliche Hintergrundstrahlung um das «986fache» übertroffen worden sei. Der Ort liegt 30 Kilometer von der Wiederaufbereitungsanlage Mayak entfernt. Die Messungen seien Ende September gemacht worden, und es sei wahrscheinlich, dass es auch in allen europäischen Ländern zu Kontaminationen gekommen sei. Seit 4. Oktober hatten verschiedene Länder von erhöhten Werten berichtet. Die Quelle war im südlichen Ural vermutet worden, eine Gefahr für die westeuropäische Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt bestanden.

Nichts dazugelernt
Das Vorgehen der russischen Behörden erinnert fatal an den Super-Gau von Tschernobyl vom 26. April 1986, als das Ausmass der Katastrophe zuerst negiert, dann heruntergespielt und erst, als im Westen schon Gewissheit bestand, schliesslich zugegeben wurden. Und auch wenn sich das Ausmass des jüngsten Vorfalls bei weitem nicht mit jenem von Tschernobyl vergleichen lässt, so wirft die heutige Informationspolitik ein bezeichnendes Schlaglicht auf die herrschende politische Ordnung in einem Land, das Atomkraftwerke und wiederaufbereitete Brennstäbe gleichermassen als Exportschlager erachtet. Ruthenium zählt zu den seltensten Metallen der Erde und wird nur in wenigen industriellen Produkten, namentlich der Elektronik, verbaut. Das Rutheniumisotop 106 entsteht bei der Kernspaltung und findet sich in abgebrannten Brennstäben. Es gilt als krebserregend. Hochrechnungen europäischer Nuklearforschungsinstitute auf Basis von deren eigenen Messungen ergaben eine freigesetzte Menge, die für die lokale Bevölkerung am Ursprungsort nicht zu unterschätzen sei. Über entsprechende Massnahmen zu deren Schutz ist nicht bekannt.

Zwischenfall bei Tests?
Ein Zwischenfall in einen Atomkraftwerk kann als Ursache für die Freisetzung ausgeschlossen werden, denn dann wären auch andere Isotope gemessen worden. Wahrscheinlicher wäre eine Freisetzung in einem medizinischen Zentrum, denn Ruthenium 106 wird zur Bestrahlung von Augenkrankheiten eingesetzt. Am wahrscheinlichsten ist nach den jüngsten Meldungen aus Russland aber ein Unfall in der Aufbereitungsanlage in Mayak. Denn das Radionuklid, das sich in beträchtlichen Mengen in den abgebrannten Brennstäben findet, wird bei der Wiederaufbereitung extrahiert und gelagert. Die dank eines in 15 Jahren aufgebauten Netzwerkes an Informanten auch aus Mayak selbst gewöhnlich gut informierte Nadezda Kutepova, die das Land 2015 verliess, als ihr wegen des «Verrates von Betriebsgeheimnissen» der Prozess gemacht werden sollte, vermutet einen Zusammenhang mit einer Neuausrichtung der Wiederaufbereitung auf den in Russland am weitesten verbreiteten Reaktortyp VVER1000, von dem am 22. September eine erste Lieferung in einem für Mayak erstmals eingesetzten Transportbehälter TUK 410 eingetroffen sei. Am 25. September könnte es im Rahmen von ersten Tests zur Freisetzung von Ruthenium 106 gekommen sein. Darauf deuteten auch mehrere betriebliche Alarme hin. Im übrigen gelte in Mayak eine jahrzehntealte Regel: «Mayak versteckt alle Informationen zu Vorfällen oder Unfällen. Und Mayak kontrolliert sich selbst.»

Der erstmals in Mayak eingesetzte Transportbehälter TUK 410 (Bild:
Мы с "Маяка")

"Nukleare Hinterlassenschaft aufräumen"
Die offiziellen Verlautbarungen könnten – Radio Eriwan lässt grüssen – auch so gelesen werden, dass sich ein verklausuliertes Eingestehen ableiten liesse. Mayak-Direktor Pokhlevaev hatte im erwähnten Interview mit der Nachrichtenagentur uranews auch gesagt: «Die Freisetzung sämtlicher Radionuklide im Jahr 2017, also auch jene der vergangenen Tage, liegt bei nur drei Prozent der Grenzwerte. Die Werte aller radioaktiven Substanzen, inklusive von Ruthenium 106, sind auf einem durchschnittlichen Niveau.» Ein geographischer Massstab lässt sich daraus nicht ableiten. Es ist möglich, dass die Aussage, bezieht man sie auf ganz Russland, so gar stimmen mag. Zwei Tage später, am 20. Oktober, räumte Vizegouverner M. Klimov ein, man habe am 25. September Ruthenium 106 gemessen, die Werte seien aber um das 20’000fache unter der Jahresdosis gelegen. Man vermute eine Quelle in einer Entfernung von «1000 Kilometern», wisse aber nicht, wo genau diese liege. Ein Unfall in Mayak käme jedenfalls sehr ungelegen. Denn in Mayak, wo zuvor vor allem Brennstäbe aus militärischen und weniger gebräuchlichen zivilen Reaktoren aufbereitet worden waren, soll bis ins Jahr 2020 alles, was in Russland an abgebrannten Brennstäben anfällt, verarbeitet werden können, um, wie ein Offizieller der Betreiberfirma Rosatom erklärte, «den nuklearen Kreislauf zu schliessen» und «unsere nukleare Hinterlassenschaft aufzuräumen».


Quellen:
https://www.theguardian.com/world/2017/nov/21/russia-radioactivity-986-times-norm-nuclear-accident-claim
https://www.theguardian.com/world/2017/nov/10/nuclear-accident-in-russia-or-kazakhstan-sends-radioactive-cloud-over-europe
http://www.radenviro.ch/de-CH
http://www.world-nuclear-news.org/WR-Russia-set-to-launch-TUK-1410-used-fuel-cask-12051701.html
http://orf.at/stories/2414363/2414368/
https://ura.news/news1052308988
http://uralpress.ru/news/2017/10/20/ozerskiy-mayak-ne-vinovat-v-poyavlenii-v-vozduhe-stran-evropy-ruteniya-106







Gelesen 1355 mal Letzte Änderung am Dienstag, 20 März 2018 15:08

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