Deutsche Energiewende ohne Atomkraft

In Deutschland, wo noch im Jahr 2000 19 Atomkraftwerke 30,6 Prozent zur Elektrizitätsproduktion beitrugen, geht spätestens Ende 2022 das letzte AKW vom Netz. Vor allem Windräder und Solarpanels werden sie ersetzen. Schwer zu schaffen macht den Nachbarländern der nicht funktionierende Emissionshandel. Er befeuert der den Weiterbetrieb von deutschen Kohlekraftwerken.

2016 ist es soweit: Nach 15 Jahren des staatlich geförderten Ausbaus von erneuerbarer Energie zur Stromerzeugung wird in Deutschland mehr Wind- als Atomstrom produziert. Es ist das Ergebnis einer gegenläufigen Entwicklung. Während von den im Jahr 2000 laufenden AKW’s heute noch acht mit einer Nennleistung von 12,7 Gigawatt in Betrieb sind, wird die Windkraft in Windeseile ausgebaut. Alleine 2016 dürften es um 4 Gigawatt sein, was etwa der Leistungskraft von drei modernen Atomkraftwerken entspricht. Insgesamt werden knapp 45 GW erreicht. Der Ausbau der Photovoltaik geht seit drei Jahren, als die Subventionen stark gekürzt wurden, in deutlich reduziertem Tempo weiter. Aktuell sind rund 40 Gigawatt installiert. Dass es etwa das Dreifache an installierter Leistung mit Windrädern braucht, um mehr Strom als mit Atomkraft zu produzieren, liegt, trotz höheren Wirkungsgrades, an der Unstetigkeit des Windes. Die in Deutschland installierten Photovoltaik-Anlagen erreichen aktuell gar nur knapp die Hälfte der Stromproduktion der Atomkraftwerke. Und die Unstetigkeit ist schon angesichts von Tag und Nacht Programm. Das zeigt: Die im Jahr 2000 von einer rot-grünen Regierung mit dem Erneuerbaren Energie – Gesetz und einer Vereinbarung mit dem Atomkraftwerksbetreibern eingeleitete Energiewende braucht Zeit. Es ist eine Generationenaufgabe, vergleichbar dem Aufbau des Eisenbahnnetzes im 19. oder der Elektrizitätswirtschaft im 20. Jahrhundert. Doch diesmal geht es nicht nur um Auf-, sondern auch um Rückbau. Der 2011, nach der Katastrophe von Fukushima, zeitlich auf Ende 2022 fixierte Atomausstieg kann nur der Anfang sein. Auch die nicht erneuerbaren, klimaschädlichen Ressourcen Öl, Kohle und Gas müssen bis 2050 Geschichte, wenn die Klimaziele einer Beschränkung der Erderwärmung um maximal zwei Grad erreicht werden sollen. Das ist ausgesprochen ehrgeizig, zumindest technisch aber schon aus heutiger Sicht machbar.

Der Offshore-Windpark Riffgat mit einer Nennleistung von 108 Megawatt. (Bild: Impériale)


Atomenergie steht im Weg
Und schon heute lässt sich sagen: Deutschland braucht die Atomenergie nicht mehr, ganz im Gegenteil steht sie dem Umbau der Stromwirtschaft mehr und mehr im Weg. Die Energiewende hat eine Dynamik erreicht, die das ganze System der Stromversorgung auf den Kopf stellt: weg von den grossen Bandenergieerzeugern Atom und Kohle, hin zu Wind- und Solaranlagen, deren Produktion von den nicht steuer-, aber berechenbaren Faktoren Sonne, Wetter und Wind abhängig ist. «Flexibilisierung» heisst das Stichwort, das vor allem den Ausbau des Leitungsnetzes meint, damit sich der Strom besser verteilen lässt, im deutschen Fall primär von den Windfeldern im Norden zu den grossen Konsumenten im Süden – wo auch die letzten AKW’s stehen, die noch im Betrieb sind. Noch weiter gedacht ginge es um einen Ausbau des europäischen Stromverbundes. Die Grundidee: Irgendwo fällt immer genug Wind- oder Sonnenstrom an, der ausreicht, die wetterbedingten Defizite anderswo zu decken. Zieht etwa eines der typischen Tiefdruckgebiete von der Atlantikküste gen Osten, liesse sich der Strom parallel zum Lauf des Windes jeweils gen Osten und später gen Westen transportieren. Doch das ist noch eine recht ferne Zukunftsmusik. Weitgehend klar ist aber das enorme Potenzial von Wind, aber auch Sonne, selbst in diesbezüglich allenfalls durchschnittlich begünstigten Ländern wie Deutschland. In Deutschland scheinen die wichtigsten Weichen gestellt, die Pläne für den Neubau von Stromleitungen sind weit gediehen, auch wenn vor allem in Bayern noch spekuliert wird, allenfalls die bestehenden Atomkraftwerke länger als geplant laufen zu lassen, weil der Leitungsbau nicht nachkommt. Um Reservekapazitäten aus nicht erneuerbaren Quellen wird man aber für die nächsten Jahrzehnte nicht herumkommen, wahrscheinlich nicht nur in den schwierigen Wochen im Spätherbst, wenn eine dicke Nebeldecke und Flaute vorherrschen. Klar ist, dass kein Stromproduzent bereit sein wird, sein Kraftwerk auf Stand-by zu halten, wenn nicht die Aussicht besteht, damit auch Geld zu verdienen.  Lange hatte der Gesetzgeber mit sich gerungen, ob die Kraftwerksbetreiber pauschal entschädigt werden sollten, was faktisch einer Subventionierung der Strompreise in Zeiten der Knappheit gleich gekommen wäre, oder ob man auf die Kräfte von Angebot und Nachfrage setzt, um damit jene zu begünstigen, die am flexibelsten sind: Gas-Kombi-Kraftwerke, deren Betrieb sich bei den aktuellen Rahmenbedingungen nicht lohnt, im Falle von Strompreisen, die sich bei Knappheit auch mal ums Tausendfache steigern könnten, aber am schnellsten die Bedarfslücke decken könnten. Während das bei Gaskraftwerken eine Sache von Minuten ist, braucht ein Kohlemeiler mehrere Tage, bis er betriebsbereit ist.


Ohne mehr Energieeffizienz keine Chance
Später, wir sprechen von der Jahrhundertmitte, geht man beim jetzigen Ausbautempo davon aus, dass erneuerbare Elektrizität in so grossen Mengen verfügbar ist, dass man es sich leisten kann, trotz grosser Umwandlungsverluste daraus Wasserstoff und in einem zweiten Prozess Methan zu gewinnen, das sich in die bestehenden Erdgasnetze einspeisen oder speichern liesse, um im Bedarfsfall die Stromlücken mit den Gas-Kombi-Kraftwerken zu schliessen. Das klingt nach ferner Zukunftsmusik, erscheint beim heutigen Ausbautempo in Deutschland aber der realistische Weg zu sein. Der rasche Fortschritt bei der Batterietechnik lässt es aber auch als möglich erscheinen, dass ein breites Netz von dezentralen Batterien als Stromspeicher der Zukunft tatsächlich funktionieren könnte. So oder So: Wer den Klimaschutz mit dem Pariser Protokoll ernst nimmt, und dazu zählt die ganze Europäische Union, für den kann die Zukunft der Energieversorgung praktisch nur noch Elektrizität aus erneuerbaren Quellen heissen. Diese Umstellung beziehungsweise der Ersatz fast sämtlicher nicht erneuerbaren Ressourcen ist die grösste Herausforderung und wird nur mit gewaltigen Fortschritten in der Effizienz zu schaffen sein. Rund 3'000 Terrawattstunden müssten ohne Effizienzgewinne 2050 erneuerbar produziert werden – in einem praktisch mit Windrädern und Photovoltaikanlagen zugepflasterten Deutschland. Als machbar gilt der heutige Gesamtenergieverbrauch von rund 700 Terrawattstunden.


Erfolgsmodell wird kopiert
Doch das ist noch recht ferne Zukunftsmusik. Aktuell ist die deutsche Energiewende arg in die europäische Kritik geraten, auch wenn die Mitgliedsstaaten gerade in Sachen Förderung erneuerbarer Energien einen grossen Spielraum geniessen. Der Europäische Gerichtshof hat aus wettbewerbsrechtlicher Sicht der deutschen Energiewende grünes Licht gegeben und das Recht auf eine autonome Förderpolitik ausdrücklich bestätigt, und die Tatsache, dass auch in Europa mehrere Staaten, unter ihnen Spanien und Frankreich, Teile des deutschen Fördermodells übernommen haben, darf auch als Erfolgszeugnis gesehen werden. Weltweit sind es inzwischen über 60 Länder, die ihre Förderpolitik am deutschen Modell ausrichten, darunter Staaten wie China und Japan.


Billigstrom aus Kohle
Es sind zwei Punkte, die derzeit, vor allem in den Nachbarstaaten für Verstimmung sorgen: der Zusammenbruch der Strompreise in den vergangenen Jahren und der deutsche Kohlestrom, der hauptsächlich für die deutsche Überproduktion verantwortlich zeichnet. Tatsächlich exportiert Deutschland beträchtliche Mengen an Strom an fast alle Nachbarstaaten, am meisten in die Niederlande (23,7 Terrawattstunden), gefolgt von Österreich (14,3) und der Schweiz (13,4), insgesamt rund 61 Terrawattstunden oder zehn Prozent der Produktion, zu unschlagbar tiefen Preisen zwischen zwei und vier Eurocents pro Kilowattstunde. Gehandelt wird dieser Strom auf dem so genannten Spotmarkt. Er dient im Kern der Risiko- und Kostenminimierung, werden doch kurzfristige Schwankungen im Netz damit ausgeglichen. Preisbildend sind dabei ausschliesslich die variablen Kosten für Rohstoffe, Emissionszertifikate oder Verschleiss, während die Fixkosten keine Rolle spielen. Der Spotmarkt ergänzt den Terminmarkt, wo langfristige Kontrakte abgeschlossen werden.
Deutschland, das mit dem Erneuerbaren Energie – Gesetz im Jahr 2000 auf direkte Bezuschussung der neuen Erzeuger gesetzt hatte, vollzog 2010 unter einer bürgerlichen Regierungsmehrheit eine Kehrtwende. Nun sollte erneuerbarer Strom nicht mehr einfach zu Fixpreisen übernommen, sondern am Spotmarkt gehandelt werden, die Differenz zwischen erzieltem Preis und tatsächlichen Kosten wurde als «EEG-Umlage» von aktuell 6,88 Cents auf die Stromrechnung der Verbraucher (mit Ausnahme von mehreren hundert «energieintensiven» Unternehmen, die von der Abgabe befreit sind, um konkurrenzfähig zu bleiben) gelegt. Dadurch – und die Merit-Order, wonach die Kraftwerke bevorzugt einspeisen, die die günstigsten variablen Kosten haben - gerieten die Strompreise gewaltig unter Druck. Lag der Sportmarktpreis 2008 noch bei einem Allzeithoch von 8,279 Cents pro Kilowattstunde, sollte sich dieser in den folgenden Jahren praktisch halbieren, in Extremsituationen gar ins Negative sinken. Doch das hätte die Nachbarländer noch nicht in Rage gebracht, wäre da nicht ein anderes Instrument, ersonnen, um den Klimawandel zu begrenzen, in seiner aktuellen Interpretation aber eher eine gegenläufige Entwicklung bewirkend: Der 2005 in der Europäischen Union eingeführte Handel mit Emissionszertifikaten, Verschmutzungsrechten. Eigentlich hätten sich die Preise für diese Rechte laufend erhöhen sollen. Doch beinahe das Gegenteil ist der Fall. Aktuell liegt der Preis unter sechs Euro pro Tonne Kohlendioxid – um einen positiven Klimaeffekt zu erreichen, wäre mindestens das Vierfache nötig. Die Ursachen für die extreme Preisbaisse sind unbekannt. Denn der Handel mit den Zertifikaten an sich funktioniert. Diese Niedrigstpreise haben zulasten von Gaskraftwerken, aber auch Wasserkraftwerken in den Nachbarländern die Kohlekraft wieder rentabel gemacht. Vor allem aus den USA wird billige Steinkohle, die dort als Folge der Schiefergasnutzung frei geworden ist, importiert. Auch wenn das Problem in Deutschland und in der Europäischen Union inzwischen erkannt ist, eine kurzfristige Besserung ist nicht zu erwarten, auch wenn in Deutschland inzwischen die vier schmutzigsten Braunkohlekraftwerke abgeschaltet und nur noch in Reserve gehalten werden sollen und auch in der Europäischen Union ab 2020 deutlich weniger Emissionszertifikate zu höheren Preisen gehandelt werden sollen. Denn selbst wenn Deutschland sich aus der Kohle ganz verabschieden sollte, was schrittweise bis etwa 2035 geschehen soll, dürften rasch andere Staaten in die Bresche springen – zu lukrativ ist unter den heutigen Rahmenbedingungen das Geschäft mit dem Steinkohlestrom.


Subvention ist Investition
Eines darf bei aller Kritik nicht vergessen werden: Der Preis, den die deutschen Stromkundinnen und – kunden für die Energiewende zahlen, mag als hoch erscheinen. Doch es sind Investitionskosten - für eine emissionsfreie Zukunft. Wer von billigem Kohle- oder Atomstrom spricht, vergisst allzu gern, dass die Folgekosten, namentlich Umwelt- und Klimaschäden, mit rund zehn Cents deutlich höher zu stehen kommen als mit erneuerbaren Energien und auch von der Gesellschaft getragen werden müssen. Die Weichen hat die deutsche Regierung inzwischen auch für den Rückbau der AKW’s und die Endlagerung atomarer Abfälle neu gestellt. Danach sind die wirtschaftlich in die Bredouille geratenen Betreiber für Rückbau und Verpackung der Abfälle zuständig, der Staat für die Zwischen- und Endlagerung, die aber von den Betreibern zu finanzieren ist. 23,5 Milliarden Euro müssen dafür aufgebracht werden, um bis Ende dieses Jahrhunderts eine sichere Endlagerung zu gewährleisten. Ob diese Summe ausreichen wird, ist umstritten.

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Katanga Business

  • Mit seinem Film „Katanga Business“ von 2009 vermittelt der belgische Regisseur Thierry Michel nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation der Rohstoffförderung in Katanga, sondern verdeutlicht auch die eigentlichen Aufgaben eines Dokumentarfilmers – Dokumentieren statt Kommentieren.

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