Verzicht als neue Tugend.

geschrieben von  Urs Fitze

Die Geschichte der friedlichen Nutzung der Atomenergie ist eine Geschichte der Ernüchterung. Heute gibt es genügend Alternativen. Wir brauchen sie nicht mehr. Wir brauchen eine neue Tugend: den Verzicht.

Sie war so schön, die strahlende Zukunft der Atomenergie. Der Stein der Weisen, von dem die Alchimisten immer geträumt hatten, schien gefunden, ja, besser noch: Die moderne Zivilisation mit ihrem ungeheuren Energiehunger sollte auf ewige Zeiten erlöst werden, und das zu Kosten, für die sich noch nicht einmal das Ausstellen einer Energiebezugsrechnung lohnen sollte. So priesen Wissenschaftler und Politiker beidseits des eisernen Vorhangs in den 1950er-Jahren die Atomenergie. Schnee von gestern? Mitnichten. „Wir haben das Thema nukleare Energie wieder aufgegriffen, weil wir den Strom damit so billig produzieren können, dass es sich gar nicht lohnt, dafür Rechnungen auszustellen“, sagt Robert Sogbadji, im Energieministerium Ghanas zuständig für nukleare und alternative Energien. Ghana, nach allen Massstäben ein Entwicklungsland, das noch nicht einmal die Modernisierung des Bahnnetzes aus Kolonialzeiten zustande bringt, hat den Segen der Internationalen Atomenergie - Organisation (IAEO) für seine AKW-Pläne erhalten. Die IAEO soll im Auftrag der Vereinten Nationen laut Satzung „den Beitrag der Atomenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit beschleunigen und vergrössern“. Bis 2025 könnte in Ghana ein Atomkraftwerk mit zwei Reaktorblöcken in Betrieb sein, das die Hälfte des Strombedarfs des westafrikanischen Landes decken soll. In Deutschland wird dann die friedliche Nutzung der Atomenergie schon Geschichte sein – ein Land, das noch um die Jahrtausendwende mehr als ein Drittel seines Stroms aus Atomkraftwerken bezogen hatte und technologischer Spitzenreiter der Atomenergie gewesen war. Für die einen, nicht nur in Ghana, sondern auch in Ländern wie Bangladesh, China – mit besonders ambitionierten Plänen, die alles, was war, in den Schatten stellen -, der Türkei, Ägypten oder Argentinien, hat die strahlende Zukunft der Atomenergie mit gleissenden Verheissungen erst begonnen. Für die anderen strahlen unter dem Stichwort „Energiewende“ Sonne und Wind um die Wette und geben ein neues, kaum minder verheissungsvolles Versprechen ab: Wir können, dank des technischen Fortschritts in alternativen Energien, so weitermachen wie zuvor. Alles wird gut.


Doch was sind diese Versprechen wert? Die Geschichte der friedlichen Nutzung der „Kernenergie“, ein von der Industrie in der Absicht geschaffene Begriff, das ungeliebte Wort „Atom“ zu verbannen, ist eine Geschichte der Ernüchterung. Nicht genug damit, dass die damaligen Versprechen noch nicht einmal näherungsweise einzuhalten waren. Es kam noch schlimmer. Die Risiken wurden, nicht nur dort, wo es zu grossen Unfällen kam, geradezu fahrlässig unterschätzt, im Machbarkeitswahn verfielen ganze Generationen von Ingenieuren dem Glauben, die Technik im Griff zu haben. Wer, wie die Betreiber der Schweizer Atomkraftwerke, sich damit brüstet, die Anlagen stets auf dem neuesten Stand der Technik gehalten zu haben, so dass ein Unfall wie in Fukushima gar nicht möglich gewesen wäre, verbrämt damit nur, dass man eigentlich grosses Glück gehabt hat. Denn was wäre gewesen, wenn es vor der Nachrüstung passiert wäre? Was wird sein, wenn das als undenkbar Geltende doch geschieht, wenn es keine Gelegenheit mehr gibt, nachzurüsten? Anderswo, etwa in Japan, kam es in Fukushima zum Schlimmsten. Die Wellen eines Jahrhunderthochwassers an der Aare hätten bis vor wenigen Jahren auch in Schweizer AKW’s wegen zerstörter Notstromaggregate zu Kernschmelzen geführt, und Kritiker gehen davon aus, dass dieses Risiko im Grundsatz weiter besteht. Auch die im Westen stets als unsicher geschmähten sowjetischen Reaktoren waren funktionsfähig, der Unfall in Tschernobyl geschah wegen haarsträubender Bedienungsfehler. Ob die neuerdings propagierte Sicherheitskultur, die dem menschlichen Makel nicht systemisch oder technisch, sondern kulturell begegnen will, solche Katastrophen verhindern können? Wer mag das noch glauben. Denn die Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie lehrt, dass weniger die Suche nach dem energetischen Gral als handfeste politische und wirtschaftliche Interessen machtvoll wirkten. Die Supermächte USA und UDSSR hatten gleichermassen ein grosses Interesse daran, ihre zunehmend unerschwinglicher werdende atomare Hochrüstung zivil zu unterlegen und mit dem Export der Technologie auch Geld zu verdienen. Dass ihnen damals die anderen Atommächte Frankreich und Grossbritannien schon bald auf dem Fuss folgten, lag auf der Hand. Und auch in den im Krieg besiegten Ländern Deutschland und Japan wurde das Atom als Problemlöser gepriesen. Beide wurden zu Grossmächten der zivilen Nutzung der Atomenergie. Atomkraft war High-Tech, höchste Ingenieurskunst am Gipfel der menschlichen Innovation. Wer hier nicht mithalten konnte, schien verloren. Kleinstaaten wie die Schweiz pushten die Atomenergie, selbst der Bau einer Atombombe wurde erwogen. Über die Risiken wurde kaum gesprochen, und als es, wie in Lucens 1969, zum Unfall kam, wurde dieser heruntergespielt und praktisch unter den Teppich gekehrt. Nichts sollte den Aufstieg des Atoms aufhalten können. Stattdessen wurde bis in die Schulbücher Propaganda für das Atom gemacht. Es gab skeptische Stimmen, namentlich aus den Industrien, die auf andere Energieträger setzen, und selbst den grössten Promotoren der Atomenergie war hinter den Kulissen klar, dass die Kosten immens sein würden. Die Forderung nach staatlicher Förderung ist denn auch so alt wie die zivile Nutzung der Atomenergie. Ein Strompreis vergleichbar jenem eines Kohlekraftwerks galt in den 1950er-Jahren als ambitioniertes, aber machbares Ziel. Man täuschte sich. Atomstrom ist teurer, gar viel teuer, wenn man jene Kosten dazurechnet, die, seien es die Folgen von Unfällen oder die Endlagerung, von der Gesellschaft zu tragen sind, weil kein Atomkraftwerksbetreiber auch nur annähernd dazu in der Lage wäre. Atomenergie taugt deshalb auch nicht, um das Klima zu retten. Windräder und Solarzellen haben dem Atom den Rang abgelaufen, ihnen gehört die Zukunft. Das Beispiel Deutschland lehrt, dass diese Zukunft längst begonnen hat. Die deutsche Energiewende wird zum Musterbeispiel einer langfristig angelegten, vorausschauenden und überaus erfolgreichen Politik. 2014 haben die erneuerbaren Energien, die noch zwei Jahrzehnte zuvor unter ferner liefen figuriert hatten, erstmals allen andern Energieträgern den Rang abgelaufen, 2022, wenn das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet wird, wird es, neben Biomasse, übergangsweise nur noch Gas- und wenige Kohlekraftwerke brauchen, bis genügend Kapazitäten aufgebaut sind. Grundlastkraftwerke, als die Atomkraftwerke gepriesen werden, sind dannzumal schlicht überflüssig. Das alles ist keine ferne Utopie mehr, es ist eine Wirklichkeit, die heute geschaffen wird. Wer hier zu spät kommt, den wird die Geschichte bestrafen.


Doch gilt dies auch für Länder wie Ghana, China oder Indien, die stark auf die Atomkraft setzen, um ihren immensen Energiehunger zu stillen? Wer könnte diesen Staaten, die sich, nicht zu Unrecht, gerne als die Zu-Kurz-Gekommenen darstellen, diesen Anspruch verwehren? Tatsächlich scheint eine rasche wirtschaftliche Entwicklung ohne einen ebenso schnell, wenn nicht schneller wachsenden Energiebedarf kaum denkbar. China hat sich in nur gerade drei Jahrzehnten zum grössten CO2-Emittenten der Welt entwickelt, auch wenn der Pro Kopf – Verbrauch noch immer weit hinter jenem der so genannt entwickelten Staaten liegt. Die Umweltverschmutzung hat, auch für die politische Stabilität des diktatorischen Einparteienstaates, für die ganze Biosphäre lebensgefährliche Ausmasse erreicht, der Smog in den Millionen-Metropolen des Landes ist unerträglich geworden. Der rasch wachsende Mittelstand in China, aber auch anderen Schwellenländern wie Brasilien, Mexiko oder Indien, stellt ähnliche Konsumansprüche wie in den Industriestaaten, und auch das grosse Heer der Armen wartet ungeduldig darauf, mit mehr als nur Brosamen abgespiesen zu werden. Wer ihnen dies von der Hohen Warte aus verwehren wollte, wird sich zu Recht mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, zuerst vor der eigenen Haustüre sauberzumachen. Und dort gibt es wahrlich genug zu tun.


Atomenergie, so scheint es, wird vor diesem Hintergrund, ähnlich wie vor einem halben Jahrhundert, zum Problemlöser in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Denn heute droht mit dem Klimawandel eine Gefahr, die die ganze moderne Zivilisation in einem nie gekannten Ausmass bedroht. Doch lässt sich dieses Problem mit den Rezepten von gestern lösen? Weltweit betrachtet ist Atomstrom für die ganze Energieversorgung schon heute eine Marginalie: Der Anteil liegt unter fünf Prozent, mit stark sinkender Tendenz. Und das Potenzial der erneuerbaren Energien, namentlich Wind und Sonne, aber auch Biomasse, ist noch nicht einmal annähernd ausgeschöpft – und auch das technologische Potenzial ist vor allem bei der Photovoltaik mit immer besserem Wirkungsgrad noch immer gross. Atomstrom ist verzichtbar, weil er den klimapolitischen Braten nicht fetter machen wird.


Doch so aussichtsreich die Perspektiven für die erneuerbaren Energien sein mögen, das Klimaproblem wird sich damit und mit verbesserter Energieeffizienz alleine nicht lösen lassen. Wer anderes behauptet, gleicht jenen falschen Propheten, die einst die Lösung aller Energieprobleme mit Atomstrom versprochen hatten. Es braucht mehr. Es braucht Verzicht, vor allem beim grössten Verschwender von Öl: dem Verkehr. Denn das Wachstum hat natürliche Grenzen. Doch danach sieht es nicht aus. Vergessen sind die klimapolitischen Debatten des vergangenen Jahrzehntes, auch die globalisierungskritischen Stimmen, die mehr Weltgerechtigkeit gefordert hatten, vergessen die Mahner des Club of Rome, die schon in den 1970er-Jahren die Grenzen das Wachstums ankündigten. Es wird wieder in die Hände gespuckt, und wenn einer wie der frühere US-Vizepräsident Al Gore pathetisch von den Kinoleinwänden verkündet, „wir schaffen es“, ist ihm der Applaus eines Millionenpublikums sicher. Gore und mit ihm zahlreiche Apologeten eines neuen, umweltfreundlichen Zeitalters suggerieren die technische Wandelbarkeit einer Lebensform, die seit 200 Jahren ohne Rücksicht auf Verluste die Ressourcen der Erde mit allen Mitteln ausplündert, die die Welt gespalten hat in arm und reich wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. „Neue Technologien“ heisst das Zauberwort, und nur zu gern hört die Welt diese frohe Botschaft, lässt sich verführen vom Gedanken, dass wir weitermachen können wie zuvor.


Auf ein Drittel des heutigen Niveaus muss der Energiebedarf in den westlichen Industriestaaten gesenkt werden, um das Weltklima langfristig zu stabilisieren und energetische Weltgerechtigkeit zu schaffen. Besonders energiehungrige Staaten müssen noch deutlich höhere Senkungen erreichen. Und dazu darf der Anteil der nicht erneuerbaren Energien noch höchstens ein Viertel betragen. Dann haben auch die weniger entwickelten Länder noch Luft, um sich zu entwickeln. Das ist nicht nur Utopie. Das Nullenergiehaus wird schon heute gebaut, und auch das Einliterauto rückt in die technische Sichtweite. Moderne Technik hat einiges Potential, da haben Al Gore, Anita Merkel und Co. schon recht. Doch das alleine wird nicht ausreichen. Es braucht mehr, viel mehr: die schon vom Club of Rome formulierte Einsicht, dass das Wachstum Grenzen hat, keine ökonomischen, aber natürliche. Sie lassen sich nicht überschreiten, wenn es nicht zu katastrophalen Entwicklungen kommen soll. Es wird nicht die Apokalypse sein, der Weltuntergang, aber ein Weltenwandel, wie es ihn vielleicht noch nie gegeben hat. Es geht nicht um das Überleben der Menschheit, aber um das Überleben von Milliarden Menschen. Gäbe es keinen Kunstdünger, für dessen Produktion Erdöl unabdingbar ist, hätten sich die enormen Ertragssteigerungen beim Anbau von Getreide nicht realisieren lassen. Ein Land wie Frankreich könnte ohne die Verwendung von Kunstdüngern gerade die Bevölkerung ernähren, die es vor der französischen Revolution zählte: 25 Millionen. Heute zählt Frankreich 60 Millionen Einwohner. Die Welt, wie wir sie heute kennen, und von deren Ressourcen wir leben, baut existenziell auf Erdöl. Ohne das schwarze Gold hätte es keine industrielle Revolution und, vor allem, keine Bevölkerungsexplosion gegeben. Die natürlichen Ressourcen reichen dazu längst nicht aus. Auch vor diesem Hintergrund ist das Abfackeln von täglich rund 60 Millionen Fass Erdöl zu reinen Transportzwecken eine gigantische Verschleuderung lebenswichtiger Rohstoffe.


„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant hat der Verantwortungsethiker Hans Jonas erweitert zum ökologischen Imperativ: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Das heisst laut Jonas, der sich in seinem Spätwerk mit der praktischen Umsetzung seiner Verantwortungsethik beschäftigte: „Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewußtes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen.“ Vor diesem philosophischen Hintergrund ergibt sich aus der Einsicht, dass wir kollektiv an Grenzen stossen, auch die Schlussfolgerung, als Individuum sein eigenes Handeln zu überdenken.


Doch wir sind nicht nur Kinder dieser Welt, wir sind auch Kinder dieses Zeitalters. Wir können unsere Welt nicht von heute auf morgen verändern, und wir können auch unsere Lebensweise nicht über Nacht so gestalten, dass wir die Welt als Ganzes nicht mehr in Gefahr bringen. Doch wir können damit anfangen. Jetzt. Das gilt vor allem für unsere Mobilität. Eine spritsparende Fahrweise ist ein erster Schritt, der Kauf eines energieeffizienten Autos ein zweiter, der Verzicht auf unnötige Flugreisen ein dritter, der sich rasch und ohne allzu schmerzliche Einbussen erreichen lässt. Das fällt noch nicht einmal besonders schwer. Aber es ist erst ein kleiner Anfang. Weitere Massnahmen werden folgen müssen. Das Nullenergiehaus muss ebenso Standard werden wie eine ressourcenschonende Elektrizitätsproduktion und, vor allem: eine deutlich reduzierte individuelle Mobilität mit motorisierten Fahrzeugen. Das wird nicht ohne Folgen auf unseren Lebensstil bleiben. Es wird jene treffen, die täglich mit dem Auto zur Arbeit pendeln, und jene, die mit dem Auto in den Urlaub fahren oder eben mal kurz um die Ecke zum Brötchen holen. Es wird aber auch bedeuten, im Transportwege die langen Wege zu verkürzen, den Fernhandel einzuschränken auf jene Produkte, die über den täglichen Bedarf hinaus Verwendung finden. Das globale Dorf wird schrumpfen auf ein gesundes, langfristig verträgliches Mass. Diese Massnahmen werden uns näher zu unseren Wurzeln führen, zu einer auf regionalen Produkten und regionaler Produktion orientierten Wirtschaftsweise, zu einer Gesellschaft, die sich ihrer beschränkten Ressourcen bewusst ist. Das ist kein Unglück. Es ist, über kurz oder lang, der einzige Weg, der uns bleibt. Er gibt unseren Mitmenschen in den unterentwickelten Ländern die Chance zur massvollen Entwicklung, die nicht die Kopie unserer Lebensweise sein darf, sondern die heraus führen muss aus Armut und Elend. Ohne Atomstrom.

zum Weiterlesen:

Robert Spaemann, Philosoph, Deutschland: Technologie und Demokratie entwickeln sich auseinander.

 

 

 

Timothy Mousseau: "Fukushima Catastrophe and its effects on Wildlife"